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In einem Schweizer Dorf an der Grenze zu Deutschland führt vor hundert Jahren der junge Wirt Arnold einen Gasthof. Bunte Vögel und düstere Gestalten überqueren die Grenze, manche kommen auch nachts und querfeldein. Am Stammtisch sitzen die Witzbolde aus dem Dorf. Eines Tages naht eine Fremde hoch zu Ross durch den Schnee. Ihr Name ist Betty. Arnold heiratet sie und bekommt mit ihr acht Kinder. Das Leben nimmt seinen Lauf, bis sich die älteste Tochter Clara 1933 in einen Schmuggler namens Hermann verliebt. Der bringt die Uniformierten auf beiden Seiten der Grenze gegen sich auf. Es kommt zum Drama – und das Dorf erhebt sich gegen eine Großmacht.
Alex Capus ist ein Meister darin, aus historischen Stoffen große Romane zu machen.
Katja ist Buchhändlerin in unserer Tyrolia-Filiale in der Maria-Theresien-Straße in Innsbruck und leidenschaftliche Leserin.
Der bekannte Schweizer Autor Alex Capus hat mit „Das kleine Haus am Sonnenhang“ eine kleine kluge Philosophie der Zufriedenheit und des unaufgeregten Lebens komponiert; eine poetische Einladung, ihm in dieses „kleine Haus“ zu folgen, um die betörende Schönheit der piemontesischen Landschaft zu genießen und uns nostalgisch in die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zu versetzen: In den Lokalen wird geraucht, es gibt noch Bedienung in Form eines Tankwarts an den Tankstellen, die Post wird noch nicht elektronisch zugesendet – eine Welt ohne Internet und weltweilte Vernetzung. Doch was als monotones Dasein, das wir uns heute kaum noch vorstellen können, anmutet, birgt einen solchen Reichtum an Details, dass wir dem Autor dankbar und atemlos Seite um Seite nachspüren, wie gerade in einer solch stillen Umgebung literarische Meisterwerke entstehen können.
Das schmale Bändchen ist auch autobiographisch: Alex Capus hat das „kleine Haus am Sonnenhang“ in der italienischen Provinz vor vielen Jahren zu einem damals noch erschwinglichen Preis erworben und darin an seinem ersten Roman gearbeitet. So verbinden sich poetologische Überlegungen des Autors mit Erlebnissen aus dem eigenen Leben in der vordigitalen Zeit. Wie erfahren viel über die Atmosphäre, die diesen „Sonnenhang“ umschwebt: Nachbarn, die kaum einmal sichtbar sind, dörfliches Landleben mit der einzigen Kneipe und deren Stammgästen, mit denen sich Capus anfreundet: „Es waren die neunziger Jahre, wie erwähnt, damals rauchte man noch. Was haben wir geraucht! Wir rauchten alle, und wir rauchten überall und jederzeit. (…) Keine Ahnung, warum wir dermaßen geraucht haben. Irgendetwas muss schon dabei gewesen sein. Sonst hätten wir’s doch nicht getan.“
Und inmitten dieses einfachen Lebens entdeckt der Leser oder die Leserin immer wieder persönliche Bekenntnisse zum Schreiben und literarischem Schaffen, in dem Kausalketten – Capus nennt sie auch „Fährten“ – eine wichtige Rolle spielen: „Wir kommen zur Welt und dann geschehen ein paar Dinge, die nicht unbedingt miteinander in Zusammenhang stehen, und dann sind wir tot. Diese Vorstellung ertragen wir schlecht. Uns verlangt es nach Sinn, deshalb schmieden wir Kausalketten und erzählen einander Geschichten. Grimms Märchen sind Kausalketten, und zwar lückenlose, sonst könnten die Kinder nicht einschlafen.“
Der Autor erzählt aber auch von alltäglichen Begebenheiten, wie vom Kauf eines Kachelofens und von für diesen Landstrich typischen Vorfällen, etwa von einem Diebstahl – der Opferstock der Ortskirche wird aufgebrochen: Da reicht es nicht, dass die Carabinieri ermitteln, der "Maresciallo" muss gerufen werden. Und wie er dieses "Verbrechen" regelt, ist unbedingt lesenswert. Am Ende holt er die eigene Geldbörse hervor: „So geht italienisch-katholisches Konfliktmanagement. Wahre Geschichte. Ich war dabei.“
Die Lektüre kann ich nur jedem empfehlen, um ein wenig „Sonne“ zu tanken – etwas Ruhe und Gelassenheit inmitten unserer Alltagshektik. "Es war eine schöne Zeit", schreibt Capus über die Tage in Italien. Nun, da der Frühling naht und die ersten Sommerstrahlen wärmend ins Zimmer dringen, sind wir eingeladen, uns in dieses „kleine Haus am Sonnenhang“ zurückzuziehen – und wer weiß, vielleicht nicht nur fiktiv, sondern auch durch eine Reise in die italienische Hügellandschaft?