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  • Zsömle ist weg von László Krasznahorkai

    Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Es gibt Autoren, denen ich mich nicht mit der Erwartung einer spannenden Handlung nähere, sondern mit der Bereitschaft, mich auf eine eigene Welt einzulassen. László Krasznahorkai, der Literatur-Nobelpreisträger 2025, gehört für mich seit Langem dazu; und auch sein Buch „Zsömle ist weg“ verlangt Geduld und Aufmerksamkeit – und belohnt beides mit einem Roman, der mich gleichermaßen zum Schmunzeln, Nachdenken und gelegentlich auch zum Erschrecken brachte. Lange nach der letzten Seite blieb weniger die Handlung als vielmehr eine eigentümliche Stimmung zurück: eine Mischung aus Melancholie, feinem Humor und leiser Beunruhigung.
    Im Mittelpunkt steht der 91-jährige József Kada, den alle nur „Onkel Józsi“ nennen. Hoch oben auf einem Berg lebt er zurückgezogen mit seinem Hund Zsömle, bis eines Tages eine Gruppe monarchistisch gesinnter Idealisten vor seiner Tür steht. Nach aufwendigen genealogischen Recherchen glauben sie, in ihm den letzten legitimen Nachfahren der Árpáden und damit den rechtmäßigen König Ungarns gefunden zu haben. Was zunächst wie eine skurrile Posse wirkt, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einer ebenso grotesken wie beklemmenden Erzählung über Macht, Sehnsucht und politische Verführbarkeit.
    Gerade diese langsame Verschiebung der Perspektive hat mich fasziniert, denn anfangs lacht man über die schrulligen Figuren und ihre abenteuerlichen Ideen, doch allmählich bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Vieles erscheint plötzlich erschreckend nah an der Realität, wobei Krasznahorkai daraus jedoch keinen politischen Schlüsselroman macht: Ihn interessiert nämlich weniger die Tagespolitik als die Frage, warum Menschen sich nach Heilsfiguren sehnen und wie leicht sich Erinnerungen in gefährliche Mythen verwandeln können.
    Onkel Józsi ist dabei eine wunderbare Hauptfigur, ist er doch weder Held noch Narr, sondern ein alter Mann, der seine Ruhe sucht und Gewalt entschieden ablehnt. Gerade deshalb wird er zur Projektionsfläche für die Hoffnungen und Fantasien anderer und seine Sanftmut schützt ihn letztlich nicht davor, vereinnahmt zu werden. In dieser Figur liegt eine stille Tragik, die mich mehr berührt hat als viele dramatische Helden moderner Romane.
    Besonders ans Herz gewachsen ist mir allerdings Zsömle; zwar scheint der Hund zunächst nur eine Randfigur zu sein, doch gerade seine selbstverständliche Treue bildet einen stillen Gegenpol zur menschlichen Welt voller Ideologien, Eitelkeiten und Machtträume. Während Menschen Geschichte schreiben wollen, lebt Zsömle ganz im Augenblick … Vielleicht, so mein Eindruck, ist er der eigentliche Hoffnungsträger dieses Romans?
    Wie immer ist es vor allem die Sprache, die Krasznahorkais Literatur unverwechselbar macht. Seine langen, mäandernden Sätze fließen wie ein ruhiger, manchmal reißender Strom: Gedanken, Dialoge und Erinnerungen gehen ineinander über, als gäbe es keine festen Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart; so fordert diese Prosa beträchtliche Konzentration und lässt sich wohl nicht nebenbei lesen … Wer sich jedoch auf ihren Rhythmus einlässt, entdeckt eine sprachliche Schönheit, die ihresgleichen sucht.
    Zwar erschließen sich manche Anspielungen auf die ungarische Geschichte oder die Politik Viktor Orbáns erst mit entsprechendem Hintergrundwissen, doch meines Erachtens entfaltet der Roman seine Wirkung, selbst ohne jedes Detail zu kennen. Er erzählt letztlich von universellen menschlichen Sehnsüchten: von der Verlockung einer idealisierten Vergangenheit, vom Wunsch nach einfachen Antworten und von der Gefahr, Verantwortung an vermeintliche Erlöser abzugeben.
    Als ich das Buch zuschlug, blieb vor allem ein Gedanke zurück: Krasznahorkai beschreibt keine ferne Dystopie, sondern hält unserer Gegenwart einen leicht verzerrten Spiegel vor; denn gerade weil vieles so absurd wirkt, erscheint es umso glaubwürdiger! „Zsömle ist weg“ ist deshalb weit mehr als eine politische Satire, sondern vielmehr ein melancholisches, bisweilen komisches und zugleich tief bewegendes Gleichnis über Erinnerung, Macht und die Zerbrechlichkeit demokratischer Gewissheiten. Ein Roman, der nicht laut belehrt, sondern leise in den Sommernächten nachhallt – wie ein Echo, das einen noch lange begleitet. Eine wunderbare Urlaubslektüre für gemütliche Stunden am Strand oder auf einer Bergwiese!

  • Die Auferstehung von Andreas Eschbach

    Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Erster Detektiv Justus Jonas
    Zweiter Detektiv Peter Shaw
    Recherche und Archiv Bob Andrews

    Der echte Fan hat die Visitenkarte der drei Fragezeichen vermutlich genau vor Augen.
    Aber damit ist es in Andreas Eschbachs Roman „Die Auferstehung“ vorbei.

    Die drei Fragezeichen, die mich schon fast mein ganzes Leben lang begleiten, deren Leben eine einzige Abfolge endloser Sommerferien und ewiger Abenteuer war – diese drei Jungs, die im Gegensatz zu mir nie gealtert sind, sind in ihrer Zukunft angekommen. In Eschbachs Roman sind sie alle etwa Mitte fünfzig und hadern durchaus mit dem Verlust ihrer Jugend und den damit einhergehenden Wehwehchen.
    Bob arbeitet als Literaturagent in Los Angeles und ist seit fast dreißig Jahren verheiratet sowie Vater zweier erwachsener Kinder. Peter war einige Jahre als Reisejournalist in der ganzen Welt unterwegs und arbeitet nun in San Francisco bei Google. Und Justus? Das schlaueste Fragezeichen, der ewige Besserwisser, hat drei abgebrochene Studiengänge hinter sich und ist irgendwie in Rocky Beach hängengeblieben, wo er seit Onkel Titus‘ Tod das Gebrauchtwaren-Center Jonas alleine führt und als Umweltaktivist von sich reden macht.
    Dass es die drei Fragezeichen als solche nicht mehr gibt, ist natürlich befremdlich, aber so richtig in Alarmbereitschaft war ich, als relativ bald klar wurde: Bob hält zwar sowohl zu Justus wie auch zu Peter losen (SEHR losen!) Kontakt, aber Justus und Peter haben seit dreißig Jahren kein Wort mehr miteinander gewechselt. Was ist nur geschehen???

    Eschbach hat mit „Die Auferstehung“ einen Roman geschrieben, der als Krimi ganz im Sinne der alten Drei-Fragezeichen-Bücher hervorragend funktioniert und vor allem das Herz eines jeden Fans höherschlagen lässt.
    Hier ist einfach alles drin, was den Charme dieser Reihe ausmacht. Justus drückt sich immer noch so wortgewandt und geschwollen aus wie als altkluger Teenager, Bob fährt zwar keinen klapprigen gelben VW-Käfer mehr, aber natürlich einen Beetle in derselben Farbe, und Peter ist immer noch erstaunlich fingerfertig, wenn es um den Einsatz seiner Dietriche geht. Tante Mathilda und ihr Kirschkuchen sind dabei; es gibt jede Menge Anspielungen bzw. Erwähnungen in Bezug auf alte Fälle und sogar der Lieblingsfeind der drei Detektive, der schreckliche Skinny Norris, hat einen Auftritt! Das, was früher die Telefonlawine war, ist jetzt eine E-Mail-Lawine.
    Bei all dem merkt man deutlich, dass dem Autor seine Figuren wie auch deren Fans echt am Herzen liegen.
    Und was wären die drei Fragezeichen ohne einen Fall? Der kommt natürlich auch nicht zu kurz, und es ist dieser Fall, mit dem Justus, Bob und Peter aus ganz unterschiedlichen Gründen zu tun haben, und der sie zwingt, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Denn die drei Fragezeichen wären nicht die drei Fragezeichen, wenn sie nicht schon bald erkennen würden, dass Reste ihrer einstigen Freundschaft doch noch irgendwo existieren und dass sie – wie früher als Jungs – einander brauchen und nur als echtes Team funktionieren können.
    „Solange man jung war, glaubte man, eine Ewigkeit liege vor einem, in der man alle Möglichkeiten hatte. Tja, aber so war es nicht. So ein Leben war schneller vorbei, als man es sich vorstellen konnte.“

    Eschbachs Roman ist sowohl eine Zeitreise in die Zukunft der drei Fragezeichen wie sie sein könnte, wie auch eine nostalgische in ihre Vergangenheit.
    Der Titel ist wirklich clever gewählt, denn auch wenn „Die Auferstehung“ sich in erster Linie auf den Fall der tot geglaubten und nach sieben Jahren wieder aufgetauchten Tracy Hitfield bezieht, geht es natürlich vor allem um die Auferstehung der drei Detektive, die wieder zueinander finden, weil sie über ihren Schatten springen und sich versöhnen, denn bessere Freunde werden sie nie wieder finden.

    Für mich ein grandioser und spannender Lesegenuss, der mir wirklich großen Spaß gemacht hat! Aber trotzdem glaube ich, dass es bei diesem einmaligen Blick in die Zukunft bleiben sollte. In allen weiteren Fällen können Justus, Bob und Peter nur das sein, was sie immer waren: ewig jung.

  • Trophäe von Gaea Schoeters

    Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Von Kindesbeinen an ist Hunter White – allein dieser Name ist so unglaublich, dass es mich jedes Mal geschüttelt hat – ein passionierter Jäger. Was unter Anleitung seines Großvaters mit Wildschweinen, Hasen und Hirschen begann, findet nun schon seit Jahren seine unausgesetzte Fortsetzung bei der Großwildjagd in Afrika. Neben unzähligen Springböcken, Kudus, Impalas und Antilopen sowie einiger Giraffen und Nilpferde sind es natürlich die begehrtesten Tiere, die Big Five, auf die Hunter es im wahrsten Sinne des Wortes anlegt. Löwe, Leopard, Büffel und Elefant sind längst erledigt, fehlt nur noch Nummer fünf: das stark vom Aussterben bedrohte Spitzmaulnashorn.
    Hunter ist es gelungen, bei Van Heeren, Berufsjäger und seit über zwanzig Jahren sein Freund, eine der begehrten Jagdlizenzen zu erwerben, und kann es nun kaum erwarten, sich dieser Herausforderung zu stellen.
    „Sein ganzer Körper sehnt den Moment herbei, in dem er… Auge in Auge mit einem der gefährlichsten Tiere der Wildnis stehen wird, sich vollkommen darüber im Klaren, mit einer winzigen Bewegung seines Fingers das Leben des Kolosses beenden zu können… und in dem Wissen, dass all diese Kraft folglich seinem Willen unterworfen ist.“
    Doch nicht nur Hunter ist auf der Jagd nach diesem Nashorn, sondern auch zwei Wilderer sind hinter ihm her.
    Allein diese Doppelmoral ist schier unerträglich:
    Hunters größte Angst, das Tier könnte in die Hände der Wilderer fallen, wird von seinem Fahrer mit den Worten kommentiert: „Tot ist tot. Für das Rhino ist es egal, wer den Abzug drückt.“ Diese „afrikanische Logik“ (!) ist der reinste Schwachsinn für Hunter, denn Wildern ist ein schreckliches Verbrechen, „der Gedanke, dass der Bodensatz der Gesellschaft sein Nashorn gleich mit einem Streifschuss umlegt, um ihm danach mit einem Beil zu Leibe zu rücken und die Hörner illegal zu verkaufen, treibt Hunter zur Weißglut. Er, er allein, hat das Recht, dieses Nashorn zu töten.“
    Dieses Hoheitsdenken des weißen Mannes, diese Gedankengänge, dass sein Töten eine Art von Artenschutz darstellt und er als der weiße Mann ganz oben in der Nahrungskette steht, sind nur schwer zu ertragen, und es wird ja noch viel schlimmer.
    Nach der Pleite mit dem Nashorn – denn die Wilderer kommen ihm tatsächlich zuvor – bleibt nur noch eine Sache, um Hunters Laune wieder zu heben: Die Jagd auf das Objekt, das die sogenannten „Big Six“ vollmachen kann – für 500.000 Dollar wird ihm die Jagd auf einen Menschen, den jungen Buschmann !Nquate, ermöglicht.
    Leises Zögern und leichte Skrupel sind schnell dahin, denn ein balsamierter Körper wäre ein einzigartiges Sammlerobjekt.

    Gaea Schoeters Roman hat mich von der ersten Seite an gepackt; es ist ein Buch, das ich für keine Sekunde aus der Hand legen wollte und konnte. Auch wer selbst noch nie in Afrika war, taucht dank ihrer eindrucksvollen Beschreibungen sofort in diese Landschaft mitsamt ihrer Farben und Gerüche ein.
    Die Vorstellung von Afrika als einem wilden und unberührten Kontinent und Hunters von Nostalgie getriebener Wunsch, so wie die Jäger der Kolonialzeit unter freiem Himmel zu nächtigen, die Sehnsucht nach einem freien Leben sind ein Traumbild – dadurch pervertiert, dass an seiner Jagd nichts authentisch ist.
    Hunters Abenteuer ist eine Illusion, für ihn ist Afrika ein einziges großes Naturreservat, von Gott geschaffen, um ihm eine Freude zu machen. Sein Vergnügungspark, seine Spielwiese, perfekt inszeniert von Berufsjägern wie Van Heeren, die alles tun, um den afrikanischen Traum ihrer Kunden zu erfüllen.
    Die in „Trophäe“ erzählte Geschichte lässt einen atem- und sprachlos zurück – so spannend und skurril, so hart und so dermaßen moralisch fragwürdig ist sie.
    Wenn Sie diesen gleichermaßen beeindruckenden wie bedrückenden Roman noch nicht gelesen haben, möchte ich Ihnen ans Herz legen, das dringend nachzuholen.

  • Halbinsel von Kristine Bilkau

    Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    „Es war wie in den Pubertätsjahren. Fragen, dafür gab es eine Art Konto. Auf diesem Konto waren so und so viele Fragen gutgeschrieben, die ich stellen konnte, bis die Antworten ganz versiegten. Wie war es in der Schule? Hast du Hunger? Gehst du heute gar nicht raus? Gehst du so spät noch raus? Wie hieß denn der Junge, der dich abgeholt hat? Was ist mit dem Jungen, der dich neulich abgeholt hat, kommt er gar nicht mehr? Wie geht’s deinen Freundinnen? Hattet ihr Streit? Bist du traurig? Gestresst? Fehlt dir was? – Gut. Nein. Weiß nicht. Ja. Egal. Nö. Vielleicht. Mhm.“

    Es sind Absätze wie dieser, für die ich Kristine Bilkau küssen könnte. Wer selber Kinder im Teenageralter hat, erkennt sich (und sie!) in so vielen ihrer Szenen wieder!

    Annetts Tochter Linn ist bereits Mitte zwanzig; sie hat erfolgreich ein Masterstudium abgeschlossen und arbeitet nun im ersten, gut bezahlten Job in Berlin, sie ist im Erwachsenenleben angekommen.
    Dass ihr Kind „es geschafft hat“, ist für Annett eine große Erleichterung, denn es war nicht immer einfach, Linn nach dem sehr frühen Tod ihres Mannes Johann allein großzuziehen.
    Als Linn nach einem Kreislaufzusammenbruch für eine Woche krankgeschrieben wird, ist es für ihre Mutter nicht nur eine Selbstverständlichkeit, sondern vor allem eine große Freude, dass ihre Tochter diese Zeit bei ihr verbringen möchte.
    Die Anwesenheit der Tochter holt Annett aus ihrem Trott und verschafft ihr, der in letzter Zeit öfter mal der Antrieb für die einfachsten Dinge fehlt, einen neuen Schub an Energie.
    Als aber Linn schließlich verkündet, nicht nur ihre Wohnung gekündigt, sondern auch den Job hingeschmissen zu haben und einfach mal eine Pause von allem zu brauchen, wird es schwierig. Aus einer Woche werden mehrere und schließlich Monate; wenn Linn sich nicht in ihrem Zimmer vergräbt und dort den halben Tag verschläft, hängt sie antriebslos auf der Veranda herum und ist äußerst wortkarg, es ist wie in den eingangs erwähnten Pubertätsjahren.

    Annett, die für ihre Tochter stets das Beste wollte, kommt nur schwer mit der Situation, dieser Antriebslosigkeit, dieser Planlosigkeit zurecht, es war doch alles perfekt, Linn hätte doch alle Möglichkeiten und ihre volle Unterstützung – und auch wenn das die typische Ansage unzufriedener Eltern ist, kann sie sich die Frage nicht verkneifen, wie es jetzt weitergehen soll? Wie stellt Linn sich ihre Zukunft vor?
    Linns reflektierte und besonne Antwort darauf geht zu Herzen:
    „Zum ersten Mal, zum allerersten Mal ist es so, dass ich nicht weiterkomme. Dass ich nicht zurechtkomme. Und du erträgst das nicht. Schon nach einer Woche hast du es kaum ausgehalten, das habe ich gespürt. Mir ist klar, dass es so nicht bleiben kann, und natürlich frage ich mich, was mit mir los ist. Aber kannst du nicht ein wenig Vertrauen haben, dass ich das herausfinde? Dass ich mir in meinem eigenen Tempo selbst zu helfen weiß? – Lass mir diese Ruhe doch. Was sind schon einige Wochen, in denen alles etwas langsamer läuft? Zwei, drei Monate in einem ganzen Leben?“

    „Halbinsel“ ist ein unglaublich intensiver Roman, sprachlich einfach wunderbar. Es geht um die Erwartungen, die Eltern an ihre (erwachsenen) Kinder haben, und um die Hoffnungen.
    Ist es so, wie Linn sagt?
    „Insgeheim bist du wahrscheinlich entäuscht, weil ich unter deinen Erwartungen bleibe. Das würdest du so natürlich nie aussprechen, weil es nicht in das heutige Konzept von Elternschaft passt. Du hast so viele Möglichkeiten, so viele Fähigkeiten, sagst du lieber, weil es so ermutigend klingt, aber eigentlich denkst du – mach was draus, streng dich an. Vermassel es nicht!“
    An dieser Stelle kann man sich selbst hinterfragen, wie ist man selbst als Mutter oder Vater, wie hat man selbst als erwachsen werdendes Kind empfunden? Was ist Fürsorge, und wie sehr steht sie der Freiheit eines Kindes im Wege?
    Was ist die Projektion der eigenen Ängste, der eigenen unerfüllten Wünsche, wenn man auf sein Kind blickt? Welche Ziele und Ideale wünscht man sich, und wünscht man sich diese womöglich nur, weil man selbst sie nicht erreicht hat?

    Für mich war die hier dargestellte Mutter-Tochter-Beziehung trotz aller Schwierigkeiten eine sehr enge und liebevolle, eine sehr schöne.
    Bilkau schreibt so anschaulich und intensiv, dass ich das Gefühl hatte, diesen gemeinsamen Sommer von Annett und Linn mit ihnen zusammen erlebt zu haben, ich war mit ihnen im Garten, auf der Veranda, im Watt; ich meine, diese Menschen nun zu kennen.

  • Ist doch schön hier von Miriam Burdelski

    Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    „Jede Geschichte, denke ich, wird irgendwann unerzählt sterben. Vor allem die kleinen Geschichten. Die der Menschen, die keine Spuren hinterlassen.“

    „Ist doch schön hier“ ist die Geschichte einer Reise in die Vergangenheit – so manches Mal schmerzhaft und traurig, aber gleichzeitig wunderschön und sehr berührend.
    Liesels Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ihrer Familie, aber vor allem mit ihrer Gegenwart, ihr langsames Verstehen, was das nicht-miteinander-sprechen mit ihrer Familie angerichtet hat und wie befreiend es sein kann, wenn alte Geheimnisse und Tabus angesprochen werden – das alles hat mich sehr beeindruckt und mitgenommen.
    Burdelskis Roman könnte der Anstoß sein, sich auf die eigene Reise zu begeben – vielleicht nicht im wirklichen, aber im übertragenen Sinne. Solange es noch eine Spur gibt, und jemanden, der einem davon erzählen kann.

  • Urwelten von Thomas Halliday

    Christina aus unserer Tyrolia-Filiale in Salzburg

    Wer das Lesen gerne ausübt, um dem sogenannten Eskapismus in fremde Welten zu frönen, dem sei dieses Buch empfohlen, denn damit reist man sogleich mehrere Millionen Jahre weit weg. Thomas Halliday startet diese Reise von der nahen paläontologischen Vergangenheit bis hin zurück zur früheren Entstehungszeit der Erde. Dabei pickt er sich jeweils besonders interessante Regionen aus den „Urwelten“ der Erde heraus und beschreibt dabei das jeweilige Erscheinungsbild von Umwelt, Fauna und Flora. Er geht dabei wissenschaftlich akkurat vor, sorgt aber auch für eine atmosphärische Beschreibung der jeweiligen Welt. Konnte sehr viel aus diesem Buch lernen und dabei hatte es zugleich einen sehr hohen Unterhaltungswert. Ein sehr wertvolles Sachbuch! Als illustrierter Zusatzband eignet sich zudem "Urwelten. Eine illustrierte Entdeckungsreise"(Halliday) , ebenfalls sehr, um die Eindrücke auch visuell zu vertiefen.

  • Gott und die Welt von Marie Luise Kaschnitz

    Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Manchmal sind es die unscheinbaren Orte, an denen sich ein ganzes Leben spiegelt: Eine Wohnung, eine Straße, ein Blick aus dem Fenster können zu einem Archiv der Zeit werden. In „Gott und die Welt. Aufzeichnungen aus der Wiesenau“ führt Marie Luise Kaschnitz uns Leserinnen und Leser an einen solchen Ort, nämlich in ihre Frankfurter Wohnung, in jene Wiesenau, die für sie Heimat und Fremde zugleich war. Es ist für mich ein stilles, kluges und tief berührendes Buch, das weit über die Geschichte einer Stadt hinausweist und die großen Fragen des menschlichen Daseins berührt.
    Die Aufzeichnungen entstanden vor allem in den Jahren 1966 und 1967, einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs: Die Studentenbewegung kündigte sich an, alte Gewissheiten gerieten ins Wanken, die Bundesrepublik suchte nach einer neuen Identität. Doch Marie Luise Kaschnitz beobachtet diese Veränderungen nicht mit dem lauten Ton einer politischen Chronistin, sondern mit ihrem feinen Blick, welcher empfindsamer, beinahe seismografisch anmutet. Sie nimmt wahr, was unter der Oberfläche geschieht: die Ängste der Menschen, die Einsamkeit in der modernen Stadt, die Beschleunigung des Lebens und die wachsende Entfremdung zwischen Mensch und Welt.
    Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen ist eine ganz persönliche Sorge: das Gerücht, ihr Wohnblock in der Wiesenau solle einem Neubau weichen. Diese mögliche Vertreibung aus dem vertrauten Zuhause löst eine existentielle Unruhe aus, doch gerade aus dieser Verunsicherung entsteht Literatur, denn die Autorin macht aus der Angst einen Raum des Nachdenkens ... Sie bleibt in Frankfurt, obwohl sie die Stadt nicht immer schön findet; – und sie bleibt, weil sie in ihr Leben, Geschichte und Erinnerung miteinander verbunden sieht.
    Frankfurt erscheint in diesen Texten wie eine Figur mit vielen Gesichtern: zerstört und wieder aufgebaut, nüchtern und poetisch, fremd und vertraut. Marie Luise Kaschnitz erinnert sich noch an das alte Frankfurt, das im Krieg unter den Bomben verschwunden ist, und beschreibt zugleich die neue Stadt der Hochhäuser, Banken und Automaten. Besonders eindringlich wirken meines Erachtens ihre Gedanken über eine technische Zukunft, in der der Mensch Gefahr läuft, hinter Maschinen und Konsum zurückzutreten. Und so empfand ich es als erstaunlich modern, diese Passagen heute zu lesen – in einer Zeit digitaler Abhängigkeiten und künstlicher Intelligenz.
    Was dieses Buch jedoch besonders macht, ist nicht nur die Aktualität seiner Themen, sondern die unverwechselbare Stimme der Autorin: Marie Luise Kaschnitz schreibt mit einer Klarheit, die niemals kühl wirkt, und mit einer Eleganz, die niemals prunkvoll erscheint. Ihre Sprache ist zurückhaltend und zugleich voller innerer Bewegung: Sie schaut genau hin – auf Menschen, Dinge, Landschaften und auch auf sich selbst, denn ihr Alter beschreibt sie nicht als Verlust, sondern als einen „Balkon“, von dem aus man weiter und genauer sehen könne. Und in dieser Haltung liegt für mich eine stille Weisheit …
    Besonders beeindruckend ist ihre Ehrlichkeit im Umgang mit der eigenen Vergangenheit, denn die Autorin verschweigt nicht ihre Zweifel während der NS-Zeit, ihr Gefühl des Nicht-Handelns, ihre eigene Unsicherheit. Sie sucht keine nachträgliche Rechtfertigung, sondern stellt sich den schwierigen Fragen der Erinnerung: Gerade diese Unbestechlichkeit macht ihre Texte so glaubwürdig.
    „Gott und die Welt“ ist kein lautes Buch, sondern für mich ein Buch der Zwischentöne, der Fragen und des genauen Hinsehens, denn Marie Luise Kaschnitz zeigt, dass die großen Themen der Menschheit oft im Kleinen verborgen liegen: in einer Wohnung, einem Spaziergang, einer Erinnerung. Ihre Aufzeichnungen sind ein Gespräch mit der Vergangenheit – und zugleich ein faszinierender Spiegel unserer Gegenwart!
    Am Ende blieb in mir der Eindruck einer Dichterin, die der Welt nicht ausweicht, sondern ihr aufmerksam begegnet; eine Dichterin, die weiß, dass alles gefährdet ist und dennoch immer wieder nach dem sucht, was trägt. Und vielleicht liegt genau darin die zeitlose Kraft dieses Buches: Es erzählt von einer vergangenen Epoche und spricht doch unmittelbar zu uns. Ein wunderbar meditativer Schmöker für die Urlaubszeit!

  • Nanon von George Sand

    Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Manchmal überrascht einen ein Buch gerade dort, wo man sich sicher glaubt … So schlug ich „Nanon“ auf in der Erwartung, einem historischen Roman über die Französische Revolution zu begegnen – großen politischen Umbrüchen, Barrikaden, Freiheitsparolen und den bekannten Figuren der Geschichte. Stattdessen saß ich schon nach wenigen Seiten mit einem Bauernmädchen in einem abgelegenen Tal, weit entfernt von Paris. Während draußen eine Weltordnung zerbricht, hütet Nanon Schafe, kennt weder Lesen noch Schreiben und ahnt noch nicht, dass die größte Revolution ihres Lebens nicht auf den Straßen Frankreichs stattfinden wird, sondern in ihr selbst. Gerade diese leise Verschiebung des Blickwinkels hat mich vom ersten Moment an gefesselt.
    Vielleicht liegt darin die besondere Stärke dieses Romans. George Sand interessiert sich nicht für jene Menschen, die später in den Geschichtsbüchern stehen und derer wir jedes Jahr im Juli, passend zum Jahrtag der Französischen Revolution am 14. Juli, gedenken … Sie richtet ihren Blick auf diejenigen, deren Stimmen meist verloren gehen – auf Frauen, Bauern, Analphabeten, auf Menschen, die Geschichte nicht machen wollten und doch von ihr erfasst wurden. Aus dieser Perspektive gewinnt die Französische Revolution eine unerwartete Nähe. Sie erscheint nicht als monumentales Weltereignis, sondern als langsame Erschütterung des Alltags!
    „Nanon“ ist deshalb für mich weniger ein Roman über eine Revolution als über den Moment, in dem ein Mensch beginnt, sich selbst zu erkennen. Die vierzehnjährige Nanette Surgeon, genannt Nanon, wächst als leibeigene Bauerntochter in einem abgelegenen Tal auf. Die politischen Umwälzungen, die sich in Paris überschlagen, erreichen ihre Welt nur verzögert; Gerüchte und Nachrichten dringen wie entfernte Geräusche zu den Menschen auf dem Land. Gerade diese Langsamkeit macht George Sands Erzählung so eindringlich: Geschichte wird nicht nur von großen Persönlichkeiten geschrieben, sondern von jenen erlebt, deren Namen kaum jemand kennt.
    Erzählt wird Nanons Lebensgeschichte aus der Perspektive der älteren Frau, die Jahrzehnte später auf ihre Vergangenheit zurückblickt. Und diese erzählerische Entscheidung ist von großer Schönheit, denn die Frau, die einst nicht lesen und schreiben konnte, nimmt am Ende selbst das Wort. So wird hier Bildung nicht als bloßer Wissenserwerb dargestellt, sondern als Befreiung; bedeutet Schreiben doch immer auch, die eigene Existenz sichtbar zu machen und der eigenen Geschichte einen Platz zu geben.
    Nanons Entwicklung gehört zu den stärksten Aspekten des Romans: Sie wird nicht durch ein plötzliches Wunder verändert, sondern durch Neugier, Ausdauer und den festen Willen, die Welt zu verstehen. Ihre Begegnung mit Émilien, dem jungen Adeligen, der gegen seinen Willen für eine geistliche Laufbahn bestimmt wurde, öffnet ihr eine neue Welt – und aus dem Bauernmädchen, das zunächst kaum etwas über sich selbst weiß, wird eine gebildete, selbstbewusste Frau, die ihren eigenen Weg findet, denn ihre Heldinnengeschichte besteht nicht aus spektakulären Taten, sondern aus kleinen, beharrlichen Schritten.
    Besonders beeindruckend fand ich, wie differenziert George Sand die Französische Revolution betrachtet; die Autorin erzählt weder eine reine Erfolgsgeschichte noch eine Abrechnung und so erscheinen Adel und Volk nicht als starre Gegensätze, sondern als Menschen mit Hoffnungen, Ängsten und Widersprüchen. Hinter den politischen Veränderungen interessieren George Sand vor allem die menschlichen Beziehungen und die Frage, wie gesellschaftliche Grenzen überwunden werden können.
    Auch die Liebesgeschichte zwischen Nanon und Émilien bleibt frei von romantischer Verklärung, denn sie ist geprägt von Standesunterschieden, Unsicherheiten und der langen Auseinandersetzung mit überlieferten Vorstellungen. Gerade darin zeigt sich meines Erachtens Sands modernes Denken: Liebe kann nur dort entstehen, wo Menschen einander auf Augenhöhe begegnen.
    Während der Lektüre musste ich immer wieder daran denken, wie viele Geschichten der Vergangenheit nicht erzählt wurden, weil diejenigen, die sie erlebt haben, keine Stimme besaßen. „Nanon“ gibt einer solchen Stimme Raum, denn der Roman erinnert daran, dass gesellschaftliche Veränderungen nicht nur in Parlamenten und auf Schlachtfeldern stattfinden, sondern auch in den stillen Momenten, in denen ein Mensch zu lesen beginnt, zu schreiben beginnt – und schließlich erkennt, dass das eigene Leben eine erzählenswerte Geschichte ist.
    George Sand hat mit „Nanon“ einen leisen, aber nachhaltigen Revolutionsroman geschaffen. Es ist ein Buch über Freiheit, Bildung und die Würde des Einzelnen; vor allem aber ist es die Geschichte einer Frau, die nicht darauf wartet, dass andere über sie erzählen, sondern selbst das Wort ergreift!

  • Liebe von Thomas Hettche

    Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    “Liebe“ von Thomas Hettche ist ein Roman, der sich seinem Titel mit einer fast entwaffnenden Kühnheit stellt. „Liebe hat keine Zeit“ – dieser Satz wirkt wie ein leiser Schwur über dem gesamten Text, als würde er nicht nur eine Geschichte eröffnen, sondern eine Wahrnehmung verschieben, denn was hier erzählt wird, ist keine bloße Liebesgeschichte, sondern eine Untersuchung eines Gefühls, das sich jeder Definition entzieht und doch in jedem Satz aufscheint wie Licht auf Glas.
    Max ist Okularist, ein Handwerker des Sehens; er erschafft künstliche Augen, formt aus Glas und Farbe jene fragilen Nachbildungen von Blicken, die Leben imitieren, ohne es je ganz zu erreichen. Schon in diesem Beruf liegt eine stille Metapher: Der Mensch sieht, aber er versteht nie ganz, was er sieht. Und vielleicht ist genau das die Vorarbeit für das, was ihm widerfährt, als er Anna begegnet – einer Frau, die sein Leben nicht verändert wie ein Ereignis, sondern wie ein Erdbeben, das lange nachhallt, bevor man es überhaupt bemerkt hat.
    Die Begegnung der beiden beginnt im Halbdunkel, an der Ostsee, auf einem Sommerfest; es sind zwei Menschen, die sich nicht wirklich sehen und gerade deshalb einander erkennen. Es ist eine dieser Szenen, die sich wie ein Riss durch die Zeit zieht: ein Blick, ein Atemzug, eine Stimme im Dunkeln – und plötzlich verschiebt sich alles. Liebe erscheint hier nicht als Entscheidung, sondern als Überfall – also als etwas, das geschieht, bevor man sich dagegen wehren kann.
    Was diesen Roman besonders macht, ist seine Konsequenz im Unspektakulären, denn Max und Anna sind keine jungen Liebenden, keine Figuren der ersten Unschuld. Sie sind Menschen, die schon gelebt haben, die Verpflichtungen tragen, die wissen, wie schwer Entscheidungen wiegen – und gerade deshalb hat ihre Leidenschaft etwas Unbestechliches. Sie ist nicht romantisch im naiven Sinn, sondern existenziell, also ein Widerspruch, der nicht auflösbar ist: Nähe ohne Besitz, Intensität ohne Dauer, Glück ohne Sicherheit.
    Thomas Hettche schreibt diese Spannung in einer Sprache, die oft selbst wie Glas wirkt: durchsichtig, aber von innerer Spannung gehalten. Immer wieder kippt der Text in eine beinahe körperliche Sinnlichkeit, die die Grenze zwischen Wahrnehmung und Erinnerung auflöst; so werden Blicke zu Berührungen, Worte zu Atem, Sekunden zu etwas Dehnbarem, das sich weigert, Vergangenheit zu werden. Und gleichzeitig liegt über allem eine leise Melancholie – das Wissen, dass jede Gegenwart bereits ihr Ende in sich trägt.
    Der Roman kreist nicht nur um die Liebe, sondern auch um ihr Denken: Philosophie tritt immer wieder als Schattenfigur auf, als Versuch, das Unfassbare zu bändigen, doch jedes Konzept, jede Erklärung bleibt letztlich zu klein, denn Liebe entzieht sich der Theorie, selbst wenn sie sich ihrer bedient. Was bleibt, ist Erfahrung – roh, widersprüchlich, ungesichert …
    Dabei gibt es Momente, in denen der Text fast schmerzlich konkret wird, etwa wenn Nähe beschrieben wird, wenn Körper sich finden und verlieren, wenn Begehren nicht mehr Sprache ist, sondern Zustand – wie ein Puls, der sich nicht beruhigen lässt.
    Doch „Liebe“ ist kein reiner Liebesroman im klassischen Sinn, denn immer wieder weitet sich der Blick: auf Zeit, Alter, Endlichkeit, auf das, was bleibt, wenn Leidenschaft sich in Alltag verwandelt oder an ihm zerbricht. So verstärkt die Pandemiezeit, die in den Hintergrund hineinragt, dieses Gefühl einer Welt, die gleichzeitig nah und entgleitend ist, als würde auch die Realität selbst ihre Stabilität verlieren…
    Dieser Roman ist meines Erachtens von einer seltenen Klarheit, wenn er zeigt, dass Liebe kein Zustand ist, sondern Bewegung; kein Besitz, sondern ein Ereignis, das immer wieder neu beginnt und nie abgeschlossen wird. Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung dieses Buches: dass es keine Antwort gibt, sondern nur das Weitergehen im Gefühl. So bliebt in mir am Ende der Eindruck eines Romans, der weniger erzählt als nachhallt, so wie ein Blick, der nicht vergeht, oder wie Glas, das Licht nicht festhält, sondern verwandelt! Und vielleicht ist genau das seine Wahrheit: Dass Liebe nicht erklärt werden kann, sondern nur gesehen – immer wieder, aus verschiedenen Winkeln, ohne je an ein Ende zu kommen, wie es etwa das Zitat Hegels, das im Buch eine zentrale Rolle spielt, formuliert: „Wahre Vereinigung, eigentliche Liebe findet nur unter Lebendigen statt, die an Macht sich gleich und also durchaus füreinander Lebendige, von keiner Seite gegeneinander Tote sind.“ Dieses kostbare literarische Kleinod ist wunderbar geeignet für alle „Lebendigen“!

  • Geschwister von Moa Herngren

    Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl, nicht mehr nur einen Roman zu lesen, sondern einer Familienfeier beizuwohnen, bei der unter der höflichen Oberfläche alte Verletzungen unaufhaltsam an die Oberfläche drängen: Jede Bemerkung scheint harmlos, jeder Blick beiläufig – und doch liegt über allem jene kaum greifbare Spannung, die wohl viele Familien kennen. Gerade darin liegt die große Stärke von Moa Herngrens „Geschwister“, denn der Roman erzählt keine außergewöhnliche Geschichte, sondern eine erschreckend alltägliche. – Und genau deshalb berührt er so nachhaltig …
    Ausgangspunkt des Romans ist der Tod des Vaters; zu seinem ersten Geburtstag ohne ihn versammeln sich die drei erwachsenen Geschwister Ulrika, Andrea und Rasmus im Elternhaus, um ihre Mutter nicht allein zu lassen. Was wie ein stilles Familientreffen beginnt, wird nach und nach zu einer Reise in die Vergangenheit: Alte Rollen, die längst überwunden schienen, treten wieder hervor, unausgesprochene Kränkungen gewinnen neue Schärfe, und aus kleinen Bemerkungen werden tiefe Risse.
    Andrea fühlt sich seit ihrer Kindheit von der innigen Beziehung zwischen ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester ausgeschlossen, während Ulrika hingegen überzeugt ist, Andrea sei stets die Lieblingstochter des Vaters gewesen, der ihr jeden Wunsch erfüllte. Rasmus, der Jüngste, kennt vor allem das Gefühl, zwischen den beiden Schwestern unsichtbar zu werden … Als einige Gegenstände aus dem Elternhaus verschwinden, entzündet sich daran ein Konflikt, der weit über den eigentlichen Anlass hinausweist. Plötzlich steht nicht mehr der Verlust des Vaters im Mittelpunkt, sondern die Frage, wem die gemeinsame Vergangenheit überhaupt gehört.
    Gerade diese Grundidee macht den Roman so außergewöhnlich, denn Moa Herngren erzählt dieselbe Familiengeschichte aus drei Perspektiven und zeigt dabei mit beeindruckender psychologischer Genauigkeit, wie subjektiv Erinnerungen sind. Jeder der Geschwister trägt seine eigene Wahrheit in sich, geformt aus Liebe, Enttäuschung, Sehnsucht und Verletzungen; dabei entstehen keine Widersprüche, sondern verschiedene Wirklichkeiten, die nebeneinander bestehen können. Die objektive Wahrheit über eine Kindheit gibt es vielleicht gar nicht – nur Erinnerungen, die sich im Laufe der Jahre verändern wie Fotografien, deren Farben langsam verblassen.
    Besonders beeindruckt hat mich die große Empathie der Autorin, verteilt sie doch weder Schuld noch spricht sie jemanden frei; stattdessen nähert sie sich jeder Figur mit derselben behutsamen Aufmerksamkeit. So verschiebt sich selbst dort, wo man sich zunächst eindeutig auf eine Seite schlagen möchte, der Blick mit jedem Kapitel und am Ende versteht man alle – und gerade deshalb niemanden vollständig. Diese Ambivalenz wirkt erstaunlich lebensnah!
    Auch sprachlich überzeugt der Roman durch seine zurückhaltende Eleganz, denn Moa Herngren verzichtet auf große dramatische Gesten und vertraut ganz auf die Kraft feiner Beobachtungen: Ein Blick, ein Satz beim Abendessen oder ein altes Erinnerungsstück genügen, um jahrzehntelang verborgene Gefühle freizulegen. Gerade diese leisen Zwischentöne verleihen dem Roman seine emotionale Wucht, die mich fasziniert hat: Nicht das Ungesagte trennt die Geschwister voneinander, sondern das, was sie ihr Leben lang unterschiedlich verstanden haben!
    Beim Lesen musste ich immer wieder daran denken, dass Familie vielleicht der einzige Ort ist, an dem dieselbe Vergangenheit gleichzeitig Trost und Schmerz bedeuten kann. Geschwister teilen dieselben Räume, dieselben Eltern und dieselben Jahre – und wachsen doch in ganz unterschiedlichen Welten auf. Moa Herngren beschreibt dieses Paradox mit großer Menschenkenntnis und einer Wärme, die niemals sentimental wird.
    „Geschwister“ ist deshalb für mich ein kluger, berührender und psychologisch fein ausgeleuchteter Familienroman über Nähe und Distanz, über Erinnerung und Identität; vor allem aber ist er eine Einladung, die eigene Sicht auf Vergangenes behutsam zu hinterfragen. Selten habe ich einen Roman gelesen, der so eindringlich zeigt, dass Wahrheit in Familien oft kein fester Ort ist, sondern ein Raum, in dem viele Stimmen gleichzeitig gehört werden wollen. Eine wunderbare Sommerlektüre!