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Gerade für Sie gelesen

  • Liebe von Thomas Hettche

    Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    “Liebe“ von Thomas Hettche ist ein Roman, der sich seinem Titel mit einer fast entwaffnenden Kühnheit stellt. „Liebe hat keine Zeit“ – dieser Satz wirkt wie ein leiser Schwur über dem gesamten Text, als würde er nicht nur eine Geschichte eröffnen, sondern eine Wahrnehmung verschieben, denn was hier erzählt wird, ist keine bloße Liebesgeschichte, sondern eine Untersuchung eines Gefühls, das sich jeder Definition entzieht und doch in jedem Satz aufscheint wie Licht auf Glas.
    Max ist Okularist, ein Handwerker des Sehens; er erschafft künstliche Augen, formt aus Glas und Farbe jene fragilen Nachbildungen von Blicken, die Leben imitieren, ohne es je ganz zu erreichen. Schon in diesem Beruf liegt eine stille Metapher: Der Mensch sieht, aber er versteht nie ganz, was er sieht. Und vielleicht ist genau das die Vorarbeit für das, was ihm widerfährt, als er Anna begegnet – einer Frau, die sein Leben nicht verändert wie ein Ereignis, sondern wie ein Erdbeben, das lange nachhallt, bevor man es überhaupt bemerkt hat.
    Die Begegnung der beiden beginnt im Halbdunkel, an der Ostsee, auf einem Sommerfest; es sind zwei Menschen, die sich nicht wirklich sehen und gerade deshalb einander erkennen. Es ist eine dieser Szenen, die sich wie ein Riss durch die Zeit zieht: ein Blick, ein Atemzug, eine Stimme im Dunkeln – und plötzlich verschiebt sich alles. Liebe erscheint hier nicht als Entscheidung, sondern als Überfall – also als etwas, das geschieht, bevor man sich dagegen wehren kann.
    Was diesen Roman besonders macht, ist seine Konsequenz im Unspektakulären, denn Max und Anna sind keine jungen Liebenden, keine Figuren der ersten Unschuld. Sie sind Menschen, die schon gelebt haben, die Verpflichtungen tragen, die wissen, wie schwer Entscheidungen wiegen – und gerade deshalb hat ihre Leidenschaft etwas Unbestechliches. Sie ist nicht romantisch im naiven Sinn, sondern existenziell, also ein Widerspruch, der nicht auflösbar ist: Nähe ohne Besitz, Intensität ohne Dauer, Glück ohne Sicherheit.
    Thomas Hettche schreibt diese Spannung in einer Sprache, die oft selbst wie Glas wirkt: durchsichtig, aber von innerer Spannung gehalten. Immer wieder kippt der Text in eine beinahe körperliche Sinnlichkeit, die die Grenze zwischen Wahrnehmung und Erinnerung auflöst; so werden Blicke zu Berührungen, Worte zu Atem, Sekunden zu etwas Dehnbarem, das sich weigert, Vergangenheit zu werden. Und gleichzeitig liegt über allem eine leise Melancholie – das Wissen, dass jede Gegenwart bereits ihr Ende in sich trägt.
    Der Roman kreist nicht nur um die Liebe, sondern auch um ihr Denken: Philosophie tritt immer wieder als Schattenfigur auf, als Versuch, das Unfassbare zu bändigen, doch jedes Konzept, jede Erklärung bleibt letztlich zu klein, denn Liebe entzieht sich der Theorie, selbst wenn sie sich ihrer bedient. Was bleibt, ist Erfahrung – roh, widersprüchlich, ungesichert …
    Dabei gibt es Momente, in denen der Text fast schmerzlich konkret wird, etwa wenn Nähe beschrieben wird, wenn Körper sich finden und verlieren, wenn Begehren nicht mehr Sprache ist, sondern Zustand – wie ein Puls, der sich nicht beruhigen lässt.
    Doch „Liebe“ ist kein reiner Liebesroman im klassischen Sinn, denn immer wieder weitet sich der Blick: auf Zeit, Alter, Endlichkeit, auf das, was bleibt, wenn Leidenschaft sich in Alltag verwandelt oder an ihm zerbricht. So verstärkt die Pandemiezeit, die in den Hintergrund hineinragt, dieses Gefühl einer Welt, die gleichzeitig nah und entgleitend ist, als würde auch die Realität selbst ihre Stabilität verlieren…
    Dieser Roman ist meines Erachtens von einer seltenen Klarheit, wenn er zeigt, dass Liebe kein Zustand ist, sondern Bewegung; kein Besitz, sondern ein Ereignis, das immer wieder neu beginnt und nie abgeschlossen wird. Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung dieses Buches: dass es keine Antwort gibt, sondern nur das Weitergehen im Gefühl. So bliebt in mir am Ende der Eindruck eines Romans, der weniger erzählt als nachhallt, so wie ein Blick, der nicht vergeht, oder wie Glas, das Licht nicht festhält, sondern verwandelt! Und vielleicht ist genau das seine Wahrheit: Dass Liebe nicht erklärt werden kann, sondern nur gesehen – immer wieder, aus verschiedenen Winkeln, ohne je an ein Ende zu kommen, wie es etwa das Zitat Hegels, das im Buch eine zentrale Rolle spielt, formuliert: „Wahre Vereinigung, eigentliche Liebe findet nur unter Lebendigen statt, die an Macht sich gleich und also durchaus füreinander Lebendige, von keiner Seite gegeneinander Tote sind.“ Dieses kostbare literarische Kleinod ist wunderbar geeignet für alle „Lebendigen“!

  • Geschwister von Moa Herngren

    Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl, nicht mehr nur einen Roman zu lesen, sondern einer Familienfeier beizuwohnen, bei der unter der höflichen Oberfläche alte Verletzungen unaufhaltsam an die Oberfläche drängen: Jede Bemerkung scheint harmlos, jeder Blick beiläufig – und doch liegt über allem jene kaum greifbare Spannung, die wohl viele Familien kennen. Gerade darin liegt die große Stärke von Moa Herngrens „Geschwister“, denn der Roman erzählt keine außergewöhnliche Geschichte, sondern eine erschreckend alltägliche. – Und genau deshalb berührt er so nachhaltig …
    Ausgangspunkt des Romans ist der Tod des Vaters; zu seinem ersten Geburtstag ohne ihn versammeln sich die drei erwachsenen Geschwister Ulrika, Andrea und Rasmus im Elternhaus, um ihre Mutter nicht allein zu lassen. Was wie ein stilles Familientreffen beginnt, wird nach und nach zu einer Reise in die Vergangenheit: Alte Rollen, die längst überwunden schienen, treten wieder hervor, unausgesprochene Kränkungen gewinnen neue Schärfe, und aus kleinen Bemerkungen werden tiefe Risse.
    Andrea fühlt sich seit ihrer Kindheit von der innigen Beziehung zwischen ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester ausgeschlossen, während Ulrika hingegen überzeugt ist, Andrea sei stets die Lieblingstochter des Vaters gewesen, der ihr jeden Wunsch erfüllte. Rasmus, der Jüngste, kennt vor allem das Gefühl, zwischen den beiden Schwestern unsichtbar zu werden … Als einige Gegenstände aus dem Elternhaus verschwinden, entzündet sich daran ein Konflikt, der weit über den eigentlichen Anlass hinausweist. Plötzlich steht nicht mehr der Verlust des Vaters im Mittelpunkt, sondern die Frage, wem die gemeinsame Vergangenheit überhaupt gehört.
    Gerade diese Grundidee macht den Roman so außergewöhnlich, denn Moa Herngren erzählt dieselbe Familiengeschichte aus drei Perspektiven und zeigt dabei mit beeindruckender psychologischer Genauigkeit, wie subjektiv Erinnerungen sind. Jeder der Geschwister trägt seine eigene Wahrheit in sich, geformt aus Liebe, Enttäuschung, Sehnsucht und Verletzungen; dabei entstehen keine Widersprüche, sondern verschiedene Wirklichkeiten, die nebeneinander bestehen können. Die objektive Wahrheit über eine Kindheit gibt es vielleicht gar nicht – nur Erinnerungen, die sich im Laufe der Jahre verändern wie Fotografien, deren Farben langsam verblassen.
    Besonders beeindruckt hat mich die große Empathie der Autorin, verteilt sie doch weder Schuld noch spricht sie jemanden frei; stattdessen nähert sie sich jeder Figur mit derselben behutsamen Aufmerksamkeit. So verschiebt sich selbst dort, wo man sich zunächst eindeutig auf eine Seite schlagen möchte, der Blick mit jedem Kapitel und am Ende versteht man alle – und gerade deshalb niemanden vollständig. Diese Ambivalenz wirkt erstaunlich lebensnah!
    Auch sprachlich überzeugt der Roman durch seine zurückhaltende Eleganz, denn Moa Herngren verzichtet auf große dramatische Gesten und vertraut ganz auf die Kraft feiner Beobachtungen: Ein Blick, ein Satz beim Abendessen oder ein altes Erinnerungsstück genügen, um jahrzehntelang verborgene Gefühle freizulegen. Gerade diese leisen Zwischentöne verleihen dem Roman seine emotionale Wucht, die mich fasziniert hat: Nicht das Ungesagte trennt die Geschwister voneinander, sondern das, was sie ihr Leben lang unterschiedlich verstanden haben!
    Beim Lesen musste ich immer wieder daran denken, dass Familie vielleicht der einzige Ort ist, an dem dieselbe Vergangenheit gleichzeitig Trost und Schmerz bedeuten kann. Geschwister teilen dieselben Räume, dieselben Eltern und dieselben Jahre – und wachsen doch in ganz unterschiedlichen Welten auf. Moa Herngren beschreibt dieses Paradox mit großer Menschenkenntnis und einer Wärme, die niemals sentimental wird.
    „Geschwister“ ist deshalb für mich ein kluger, berührender und psychologisch fein ausgeleuchteter Familienroman über Nähe und Distanz, über Erinnerung und Identität; vor allem aber ist er eine Einladung, die eigene Sicht auf Vergangenes behutsam zu hinterfragen. Selten habe ich einen Roman gelesen, der so eindringlich zeigt, dass Wahrheit in Familien oft kein fester Ort ist, sondern ein Raum, in dem viele Stimmen gleichzeitig gehört werden wollen. Eine wunderbare Sommerlektüre!

  • Herz König von Lily King

    Christina aus unserer Tyrolia-Filiale in Salzburg

    Nach meinem ersten Leseerlebnis von Lily King kann ich nun sagen, dass die Autorin mit dieser Geschichte zwar das Rad nicht neu erfindet, aber ins Rollen bringt sie es dennoch. Die Handlung startet in den 90er Jahren und die LeserInnen begleiten die junge Literaturstudentin Jordan bis in die heutige Gegenwart. Es gibt zahlreiche Anspielungen auf unterschiedliche Klassiker der Literaturgeschichte und es wird auch immer wieder für ein bisschen Ironie zwischen den Zeilen gesorgt. Im Zentrum steht eine (weitestgehend) authentische Liebesgeschichte, die zwar gut und lange kitschfrei bleibt, aber die letzten Kapitel sind schon ein bisschen Kategorie "Tränendrüse". Alles in allem flüssig lesbar und auch berührend, ganz gute Unterhaltungsliteratur also.

  • In Bloom von Liz Allan

    Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Es mag unglaubwürdig klingen, dass ich dieses Buch im wahrsten Sinne des Wortes vom ersten Wort an geliebt habe, ist aber wahr!
    „Wir waren nicht da“ – so fängt sie an, diese Geschichte, die in der Wir-Form erzählt wird. Das ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber ich liebe diese Art des Erzählens, und es gibt sie leider viel zu selten.

    Vor einem Jahr waren „The Bastards“ noch vier. Vier Vierzehnjährige mit einem Plan.
    Auch wenn sie erst seit neun Monaten proben, auch wenn sie nur drei Akkorde können und keine Noten lesen, werden sie beim Bandwettbewerb gewinnen, weil sie es nämlich mehr wollen als alle anderen.
    Mr P, ihr Musiklehrer, sagt schließlich auch, dass es im Leben nur auf Motivation und Leidenschaft ankommt.
    Doch dieser Plan, der ihr Fluchtweg werden sollte, droht zu scheitern, als eine von ihnen aus der Band aussteigt und Mr P, den Musiklehrer, beschuldigt, sie sexuell missbraucht zu haben.
    Die restlichen drei können und wollen das nicht glauben, und vor allem können sie nicht aufgeben, denn der Sieg beim Battle of the Bands wird ihr Ticket nach L.A., der Hauptstadt des Entertainments. Raus aus Vincent, diesem Scheißkaff, und sie wissen, das ist ihre einzige Chance.
    Denn sie haben sonst keine besonderen Fähigkeiten, die sie hervorstechen lassen würden.
    Sie sind austauschbare Mädchen, durchschnittliche Mädchen, die anderswo schon zurechtkommen würden, aber in Vincent hat man nur zwei Möglichkeiten: Entweder schafft man es raus, an die Uni von Adelaide – oder man bleibt.

    Die austauschbaren Mädchen, die bleiben – die werden „unsichtbare junge Frauen mit unsichtbaren Kindern, die sich still am Rand der Gesellschaft bewegen. Die nie einen Job finden werden, der mehr einbringt als die Sozialhilfe für alleinerziehende Mütter. Wenn sie Glück haben, finden sie einen Macker mit Job. Wenn sie Pech haben, finden sie einen Macker mit Alkoholproblem.“

    Es sind Sätze wie diese, die so nüchtern beschreiben, was das Leben für diese Mädchen noch bereithalten wird, die einem beim Lesen schier das Herz zerreißen.

    Diese Mädchen, die von klein auf an Männer gewöhnt sind, die so viel Raum einnehmen, dass sie sich in ihrer Anwesenheit ganz klein machen, die sich sagen, dass das Schlagen gar nicht so schlimm ist, das Warten darauf ist schlimmer, und am schlimmsten ist die Scham –diese Mädchen sind so wunderbar und so leidenschaftlich in ihrem unerschütterlichen Glauben an ihren großen Traum.

    „Als ob Mädchen
    Als ob Mädchen wie wir
    Als ob Mädchen wie wir je
    gewinnen.“

    Man wünscht es ihnen so sehr, dass sie gewinnen, dass ihr Traum wahr wird, dass sie vom Leben nicht vergessen werden.

    Beim Lesen ahnt man irgendwann, was wirklich passiert ist, und wenn man es dann sicher weiß, ist das trotz dieser Ahnung verstörend und es macht so unglaublich wütend.
    Ich habe in meinem letzten Buchtipp ja geschrieben, dass ich mit dem Attribut „Bestes Buch“ nicht allzu verschwenderisch umgehen sollte, von wegen Glaubwürdigkeit und so – aber „In Bloom“ IST eines der besten Bücher des Jahres für mich. Es ist harter Stoff, extrem, intensiv, und die beiliegende Playlist ergänzt die Geschichte perfekt.

    Schnell, heftig und wild – und so gut!!!

  • Diesen Sommer springen wir von Alexandra Blöchl

    Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    „Wäre die Depression ein Ort, sähe er ganz sicher so aus wie das Anders-Haus an der Hauptstraße in H. Ein solider Sechzigerjahre-Bau, nicht schön, aber gepflegt, von außen zumindest. Im Inneren dagegen begann es zu bröckeln.“

    Schon einer der ersten Sätze in Alexandra Blöchls Roman „Diesen Sommer springen wir“ hat mich an „22 Bahnen“ von Caroline Wahl erinnert, wo die Schwestern Tilda und Ida im traurigsten Haus in der Fröhlichstraße leben.
    Und so wie Wahls Roman DER Sommerhit des Jahres 2023 wurde, hat auch dieses Buch das Potenzial dazu, jedenfalls wünsche ich es ihm!

    Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht der siebzehnjährigen Olive – Olive mit stummem e. Nur ihr kleiner Bruder Kjell betont ihren Namen so, als sei er der interessantere Teil eines Wodka Martini.

    Wenn man Olive fragen würde, würde sie behaupten, dass es auch ohne Familiendrama nicht leicht ist, in H. aufzuwachsen. Steile Gassen und Häuser, die am Hang gebaut sind, aber oberhalb der Burg liegen, so dass die Dorfbewohner so manches Mal das Gefühl beschleicht, falsch angeordnet zu sein.
    In der Burg soll in genau einer Woche das ungewöhnliche Ereignis von vor fünf Jahren mit einem großen Spektakel gefeiert werden – die Nacht vor fünf Jahren, in der über dem Dorf Polarlichter zu sehen waren – zugleich war das auch die Nacht, in der Olives Vater spurlos verschwunden ist.
    Seitdem ist in der Familie Anders nichts mehr so, wie es mal war. Aua bekannten, wenn auch nicht unbedingt nachvollziehbaren Gründen hat Olives Mutter seit jenem Tag beschlossen, sich in ihrer Familie nicht weiter zu engagieren und ihre vier Kinder sich selbst zu überlassen.

    Die Handlung des Romans erstreckt sich über eine Woche – mit Argusaugen und doch sehr teilnahmsvoll beobachtet und kommentiert Olive die Vorbereitungen für das große Polar-Fest, das für ihre Familie und sie aber zugleich wieder das Trauma um das spurlose Verschwinden des Vaters nach oben spült.
    Dass zudem noch ein junger, leicht schmieriger Journalist in H. auftaucht und auf eine Enthüllungsstory rund um den Vermissten hofft, trägt nicht zur Verbesserung der Stimmung bei.
    Aber Olive ist gut darin, Geheimnisse zu bewahren, und außerdem kann sie gut lügen – und sie tut es, ohne zu zögern, wenn die Umstände es verlangen.

    Wir haben das Glück, während dieser einen Woche Teil von Olives Geschichte zu werden und Teil des kleinen Dorfes H. mit seinen so skurrilen wie liebenswerten Bewohnern, die zusammenhalten, wenn es drauf ankommt.

    Ich sollte wahrscheinlich mit dem Attribut „bestes Buch des Sommers“ nicht allzu verschwenderisch umgehen, weil es irgendwann unglaubwürdig wird.
    Aber „Diesen Sommer springen wir“ hat diese Bezeichnung definitiv verdient!
    Alle, die die oben erwähnten „22 Bahnen“ von Caroline Wahl oder „Der große Sommer“ von Ewald Arenz gemocht haben, werden auch dieses Buch lieben!

  • Die Hummerfrauen von Beatrix Gerstberger

    Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Der wunderbare Roman „Die Hummerfrauen“ bestätigt meine Theorie, dass viele der schönen Bücher für den Sommer in Maine angesiedelt sind.

    Die fiktiven Örtchen Stone Harbor und Eagle Island muten so schön an, dass man sich am liebsten sofort auf den Weg machen möchte, und wenn man Glück hätte, würde man auf eine der Hummerfrauen treffen.
    Da ist zum einen Ann, schon einiges über siebzig Jahre alt, die sich erst mit über fünfzig entschieden hat, als Hummerfischerin aufs Meer zu fahren. Schon lange hat sie sich in diesem Beruf etabliert, der eigentlich den Männern vorbehalten ist.
    Es ist ein harter Beruf, das Hummerfischen bei Wind und Wetter, und auf den ersten Blick ist auch die knurrige, wettergegerbte Ann mit der verbeulten Gummihose und den zerschrammten Händen eine harte Frau, aber dieser Eindruck täuscht. Ihre weiche Seite zeigt sich unter anderem in ihrem Umgang mit dem Hummer Mr. Darcy. Es war Liebe auf den ersten Blick, als Ann ihn vor Jahren in einer ihrer Fallen entdeckt hatte. „Sein Panzer war von einem leuchtenden Blau. Ann wusste sofort: Einen Hummer mit einer derart extravaganten Schalenfarbe gab es nur einmal unter zwei Millionen Artgenossen“, und seitdem hält sie ihn in einem großen Aquarium und mitunter auch auf dem Schoß, denn Mr. Darcy ist nahezu zahm.
    In diesem Zusammenhang muss man beim Lesen unbedingt einen Blick unter den Schutzumschlag des Buches werfen – ist dieser schon sehr hübsch mit seinem roten Hummer, ist das Bild darunter noch viel, viel schöner!

    Dann ist da noch Julie, neu zugezogen erst vor ein paar Jahren, als sie nach einem schweren Unfall, der sie fast das Leben gekostet hat, einen Neuanfang wagen wollte. Sie ist schon eine gefühlte Ewigkeit eine dieser Frauen, deren Einkaufswagen man ansieht, dass sie allein lebt.
    Julie ist das genaue Gegenteil von Ann, laut und vorlaut, immer zu schrill angezogen und oft ein bisschen derb, aber trotz der vielen Unterschiede ist es eine tiefe Freundschaft, die diese beiden Frauen verbindet.
    Die dritte im Bunde ist die junge Mina, die schon als Kind so manchen Sommer in der Gegend verbracht hat, bis damit eines Tages von einem Moment auf den anderen Schluss war. Die Abreise damals erfolgte Hals über Kopf, und Mina hat nie verstanden, warum sie nie wieder auf die geliebte Insel gefahren sind.
    Sie ist schon Ende zwanzig, als sie nach dem unerklärlichen und tragischen Unfalltod ihres Bruders zum ersten Mal nach Jahren nach Stone Harbor zurückkehrt.

    Die Geschichte beginnt mit dem Tod Anns in heutigen Tagen und entfaltet sich in Rückblenden auf die Jahre 2000 und 1982, als Mina eine junge Frau bzw. ein kleines Mädchen war, und so nach und nach wird einem während des Lesens klar, welch tragisches Ereignis vor fast vierzig Jahren schon damals das Scheitern von Minas großer Liebe unausweichlich gemacht hat.
    Auch Ann und Julie haben ihr Päckchen zu tragen, aber der Roman macht kein großes Drama aus dem Drama.
    Alle drei sind Frauen, die mit dem klarkommen müssen, was das Leben ihnen zugemutet hat, und das beschreibt Beatrix Gerstberger auf eine sehr tröstliche Art.
    Der Roman lebt durch seine Atmosphäre, durch die oft so raue Natur und das unberechenbare Meer, und natürlich durch sein liebenswertes, oft auch skurriles Personal.
    Die Bewohner von Stone Harbor wachsen einem schnell ans Herz, auch wenn sie es Fremden nicht leicht machen.
    Julie erklärt es uns so:
    „Grüßen war die tägliche Überprüfung, ob man drinnen oder draußen war. Jeder im Dorf hatte seine ganz eigene Art dabei. Einige winkten mit der ganzen Hand, das waren die frisch Zugezogenen. Manche hoben zwei oder drei Finger, manche nur einen wie sie. Einzelne streckten dem Entgegenkommenden den Mittelfinger entgegen. Wieder andere grüßten nur die, die seit dreißig oder vierzig Jahren hier lebten, bestimmte Leute sogar nur die, die hier geboren waren und sich als ‚echte Mainers‘ bezeichnen durften. ‚Salz der Erde‘, so nannten sie sich untereinander.“
    Dieses Salz und den leicht fischigen Geruch, der immer über dem Ort hängt, hat man während des Lesens fast schon in der Nase!


    Wer komplexe Frauenfiguren mag und Geschichten, die von tiefer Freundschaft auch in schweren Zeiten handeln, findet mit den Hummerfrauen die perfekte Sommerlektüre.

  • So gehn wir denn hinab von Jesmyn Ward

    Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    „Nach dem Marsch nach Süden dachte ich, die Strapazen des Weges hätten mich so gut wie ausradiert, doch hier muss ich feststellen, dass es noch viel mehr zu verlieren gibt.“

    Für die junge Annis ist die Nacht die beste Zeit eines jeden Tages, denn in der Nacht weckt sie ihre Mutter manchmal und geht mit ihr wie weg von dem weitläufigen, cremefarbenen Haus ihres Sires hinter den Reisfeldern. Weit weg von dem Mann, der so weiß wie ihre Mutter schwarz ist, und der ihr Vater ist, aber zugleich auch der mächtige und grausame Plantagenbesitzer, „der meine Mutter so antreibt, bis sie nur noch ein schwarzer Strich in der düsteren, engen Küche seines Hauses ist.“
    In der Nacht erzählt ihr die Mutter von den Mythen und Geistern ihrer Ahnen, sie erzählt die Geschichten ihrer Vorfahren, die auf den Sklavenschiffen nach Amerika gekommen sind, und in der Nacht bringt sie ihr das Kämpfen mit zwei angespitzten Stöcken bei.
    Annis‘ ohnehin unerträglich hartes Leben verändert sich schlagartig, als der Sire erst ihre Mutter, die sie nie mehr wiedersehen wird, und ca. ein Jahr später auch sie an den sogenannten Georgia-Mann, einen Sklavenhändler, verkauft. Für Annis und die anderen verkauften Sklaven und Sklavinnen beginnt ein unendlich langer Marsch in Ketten in Richtung New Orleans, wo sie auf dem Sklavenmarkt weiterverkauft werden sollen…
    Die Schilderung dieses hunderte Kilometer langen Marsches ist keine leichte Kost, wie überhaupt das ganze Buch keine einfache Lektüre ist, sondern eine sehr bedrückende und extrem eindrucksvolle.
    Viele Stellen sind in ihrer Brutalität nur schwer zu ertragen, vor allem, wenn man sich bewusst macht, dass sich hier nicht etwa eine phantasiebegabte Autorin eine schreckliche Geschichte ausgedacht, sondern im Gegenteil exzellent recherchiert hat.
    „So gehen wir denn hinab“ ist ein schmerzliches Buch zu einem der dunkelsten Kapitel der Geschichte (nicht nur) der Vereinigten Staaten.

  • Eine andere Geschichte von Charles Lewinsky

    Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Manchmal legt man ein Buch nach den ersten fünfzig Seiten kurz aus der Hand – nicht, weil man eine Pause braucht, sondern weil man spürt, dass es sich Zeit nimmt und diese Zeit auch vom Leser verlangt. Genau so ging es mir mit Charles Lewinskys „Eine andere Geschichte“, denn ich hatte das Gefühl, keinem Roman im herkömmlichen Sinn zu folgen, sondern einem alten Mann zuzuhören, der seine Erinnerungen nicht ordnet, sondern sie geschehen lässt: Sie kommen unvermittelt, springen zwischen Jahrzehnten hin und her, verlieren sich in Nebensätzen und treffen doch immer den Kern. Je länger ich dem Protagonisten Curtis Melnitz zuhörte, desto deutlicher wurde mir, dass Erinnerungen niemals chronologisch sind; sie folgen den Wunden …
    Dabei ist Curtis Melnitz durchaus kein Sympathieträger, präsentiert er sich doch als schroff, zynisch, manchmal verletzend und selten um Harmonie bemüht. Und gerade deshalb wirkt er für mich so glaubwürdig! Der achtzigjährige Filmproduzent sitzt nicht freiwillig auf der Couch seines Psychiaters; er braucht Schlaftabletten, und die gibt es nur gegen Gespräche. Aus dieser beinahe absurden Ausgangssituation entwickelt der berühmte Schweizer Autor Charles Lewinsky einen Roman, der weit über eine Lebensgeschichte hinausgeht: So öffnet jede Therapiesitzung eine weitere Schicht der Vergangenheit, bis sich langsam das Panorama eines Jahrhunderts entfaltet – zwischen den Glanzlichtern Hollywoods und den dunkelsten Kapiteln europäischer Geschichte.
    Besonders fasziniert hat mich die Erzählweise, denn Lewinsky verzichtet bewusst auf einen linearen Lebenslauf und folgt stattdessen den verschlungenen Wegen der Erinnerung. Anfangs empfand ich diese Sprünge als ungewohnt, doch schon bald erschien mir keine andere Form mehr denkbar. Vergangenheit meldet sich nämlich nicht auf Kommando; sie drängt sich auf, widerspricht sich, verliert sich in Details und kehrt plötzlich mit voller Wucht zurück. Und gerade darin liegt die große Stärke dieses Romans!
    Charles Lewinskys Sprache besitzt außerdem eine bemerkenswerte Eleganz; sie kann scharf und derb sein, ohne je plump zu wirken, und sie findet selbst für die dunkelsten Erfahrungen einen Ton, der weder pathetisch noch distanziert erscheint. Besonders beeindruckt hat mich, wie Humor und Schmerz ineinandergreifen, denn die Hauptfigur Melnitz begegnet den Schrecken seines Lebens oft mit bitterem Sarkasmus. Dieses Lachen ist kein Zeichen von Leichtigkeit, sondern ein Überlebensmechanismus … Hinter fast jeder ironischen Bemerkung verbirgt sich eine Erinnerung, die nie wirklich vergangen ist.
    Beim Lesen entstanden vor meinem inneren Auge beinahe filmische Bilder; so sah ich die Studios des frühen Hollywood, die Hektik hinter den Kulissen der Traumfabrik und die schillernde Welt des Kinos, die Lewinsky mit großer Detailfreude beschreibt. Doch diese schimmernde Oberfläche bekommt immer wieder Risse, wenn die Erinnerungen an Verfolgung, Flucht und Holocaust unvermittelt hervorbrechen und deutlich machen, dass selbst der größte Erfolg die Vergangenheit nicht zum Schweigen bringen kann. Gerade dieser Kontrast zwischen Glamour und Abgrund verleiht dem Roman seine besondere Intensität!
    Was mich am meisten berührt hat, war jedoch die leise Erkenntnis, dass dieser Roman weniger vom Erinnern als vom Nichtvergessen handelt. Curtis Melnitz kämpft nicht nur gegen Schlaflosigkeit, sondern gegen Bilder, die sich jeder Kontrolle entziehen; so sind seine Träume keine bloßen Albträume, sondern Erinnerungen, die sich weigern, Geschichte zu werden. Charles Lewinsky zeigt eindrucksvoll, dass Traumata nicht verschwinden: Sie verändern lediglich ihre Gestalt.
    Trotz seiner ernsten Themen ist „Eine andere Geschichte“ kein bedrückendes Buch. Immer wieder lockert Lewinsky die Schwere durch feinen Witz, kluge Dialoge und eine beinahe spielerische Lust am Erzählen auf. Und gerade diese Balance hat mich beeindruckt und überzeugt; zwar verlangt der Roman Aufmerksamkeit, schenkt seinem Leser dafür aber Figuren, die lange im Gedächtnis bleiben, und Gedanken, die weit über die letzte Seite hinaus nachwirken …
    Am Ende blieb bei mir weniger das Gefühl, einen historischen Roman gelesen zu haben, als vielmehr einem Menschen begegnet zu sein: Curtis Melnitz ist widersprüchlich, unbequem und voller Brüche – gerade deshalb wirkt er so lebendig. Charles Lewinsky gelingt mit „Eine andere Geschichte“ ein ebenso kluger wie bewegender Roman über Erinnerung, Identität und die Macht des Erzählens – eine wunderbare Lese-Empfehlung also für den Sommer, denn es ist ein Buch, das als stiller Begleiter auf den Strand oder in den Bergen nicht laut nach Aufmerksamkeit verlangt, sondern sich langsam entfaltet und gerade dadurch seine nachhaltige Wirkung entfaltet.

  • Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Selten hat mich ein so schmales Buch so nachhaltig beschäftigt, denn kaum hatte ich die letzte Seite umgeschlagen, begann der eigentliche Dialog mit dem Text. „Die letzten Tage von Ingeborg“ von Fleur Jaeggy entfaltet seine Wirkung vor allem nach der Lektüre – in den stillen Momenten, in denen Bilder und Sätze nachklingen. Es ist nämlich für mich ein Buch von erstaunlicher Dichte: klein im Umfang, aber groß in seiner Wirkung!
    Gerade in diesem Jahr 2026, dem Jubiläum des 100. Geburtstags von Ingeborg Bachmann, gewinnt diese Erinnerungsschrift eine besondere Bedeutung. Während ihr Werk weltweit neu gelesen und gewürdigt wird, zeigt Fleur Jaeggy nicht die Literaturikone, sondern den Menschen und erinnert an eine Frau, die lachte, schwieg, zweifelte und Freundschaft lebte. Vielleicht liegt genau darin die größte Stärke dieses Buches: Es holt Ingeborg Bachmann für einen Augenblick aus dem Denkmal zurück ins Leben …
    Über Ingeborg Bachmann ist viel geschrieben worden – über ihre Literatur, ihre Beziehung zu Max Frisch, ihre Verletzlichkeit und ihren frühen Tod. Die Autorin Fleur Jaeggy wählt jedoch einen anderen Zugang, denn sie schreibt weder Biografie noch literaturwissenschaftliche Studie; stattdessen schenkt sie uns Erinnerungen, flüchtig wie Licht auf dem Meer und gerade deshalb von großer Intensität! Das Buch lebt nicht von dem, was ausgesprochen wird, sondern von dem, was zwischen den Zeilen schimmert.
    Im Mittelpunkt steht jener Sommer des Jahres 1971, den Bachmann und Jaeggy gemeinsam an der toskanischen Küste verbringen. Ein roter Alfa Romeo, das Meer, Gespräche und gemeinsames Schweigen bilden den Rahmen einer Beziehung, die sich jeder eindeutigen Definition entzieht. War es Freundschaft, Liebe oder Seelenverwandtschaft? Fleur Jaeggy selbst verweigert jede Festlegung – und gerade darin liegt ihre literarische Größe, denn nicht alles, was bedeutsam ist, muss benannt werden.
    Mich hat besonders beeindruckt, wie aus scheinbar beiläufigen Momenten große Literatur entsteht; so entfalten ein gemeinsames Essen, ein Spaziergang oder ein kurzer Satz über das Älterwerden eine unerwartete emotionale Kraft. Dabei ist Jaeggys Sprache von einer kargen Eleganz, beinahe asketisch, und zugleich voller Wärme: Sie erklärt nichts, sie kommentiert nicht, sondern vertraut darauf, dass ihre Leserinnen und Leser die Leerstellen selbst füllen. Dieses Vertrauen empfand ich als wohltuend und hatte während der Lektüre oft das Gefühl, weniger ein Buch zu lesen als einer Stimme zuzuhören, die aus großer zeitlicher Distanz spricht und dennoch eine erstaunliche Nähe bewahrt.
    Besonders eindringlich ist der letzte Teil des Buches, denn aus der stillen Erinnerung wird ein Dokument der Trauer und der Wut. Fleur Jaeggy beschreibt Ingeborg Bachmanns letzte Tage im römischen Krankenhaus Sant'Eugenio nach ihren schweren Verbrennungen, wobei die Schilderung nicht durch dramatische Effekte erschüttert, sondern durch ihre Nüchternheit. Die Autorin war bis zuletzt an Bachmanns Seite, und ihre Empörung über medizinische Versäumnisse ist auch Jahrzehnte später spürbar! Diese Seiten haben mich tief bewegt – und mehr als einmal musste ich das Buch zur Seite legen, denn hier spricht nicht mehr nur die Schriftstellerin, sondern ein Mensch, der einen geliebten Menschen verliert und diesen Verlust nie ganz überwunden hat.
    Natürlich bleibt manches rätselhaft, beispielsweise wenn die Autorin Fleur Jaeggy biografische Kenntnisse voraussetzt und so auf historische Einordnung verzichtet … Doch gerade diese Offenheit erschien mir im Nachhinein folgerichtig, denn Erinnerung ist niemals vollständig, sondern bleibt bruchstückhaft, widersprüchlich und von Gefühlen durchdrungen. Und vielleicht kommt dieses Buch der Wahrheit gerade deshalb so nahe?
    Lange nach der Lektüre blieb mir ein Satz im Gedächtnis, den Ingeborg Bachmann kurz vor ihrem Tod zu Fleur Jaeggy gesagt haben soll: „Wir haben es gut gehabt.“ In seiner Schlichtheit liegt eine ganze Welt – Dankbarkeit, Wehmut und die Erkenntnis, dass Glück sich oft erst im Rückblick vollständig erschließt.
    „Die letzten Tage von Ingeborg“ ist kein Buch, das Antworten gibt. Es ist eine Einladung, sich auf das Unsagbare einzulassen und den Zwischentönen zu vertrauen. Ich habe dieses schmale Buch mit dem Gefühl geschlossen, einer sehr persönlichen Abschiedsgeste beigewohnt zu haben – einer Liebeserklärung, die nie laut wird und gerade deshalb so tief berührt. Hundert Jahre nach ihrer Geburt erinnert uns Fleur Jaeggy daran, dass Ingeborg Bachmann nicht nur eine der großen Stimmen der deutschsprachigen Literatur war, sondern vor allem ein Mensch. Und vielleicht ist genau das die schönste Form des Erinnerns …
    Eine absolute Lese-Empfehlung in diesem Bachmann-Jahr 2026!

  • Feuer in der Kehle von Beatriz Serrano

    Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    „Anders sein ist nichts Schlechtes. Nur anders.“

    2025 gehörte „Geht so“, der Debütroman von Beatriz Serrano, zu meinen Lieblingsbüchern.
    Jetzt legt sie nach – und auch mit ihrem zweiten Roman „Feuer in der Kehle“ hat sie bei mir einen Volltreffer gelandet.

    Erzählt wird die Geschichte von Blanca, und ihre Geschichte beginnt mit einem Satz ihres Vaters. Als er seiner neunjährigen Tochter eines Morgens beim Frühstück mitteilt, ihre Mutter sei in den Urlaub gefahren, reagiert das Kind zunächst ungerührt mit „Wohin?“
    Dabei ist es dieser eine Satz und die Geschichte dahinter, der den Lauf ihrer beider Leben stark verändern wird.

    Der Roman gliedert sich in drei Teile.
    Im ersten Teil erleben wir Blancas Aufwachsen mit – ein Aufwachsen ohne Mutter, denn diese ist nie zurückgekehrt. Es ist eine einsame Kindheit, denn die Gerüchte um die verschwundene Mutter, die immer so anders war als die anderen Mütter des Viertels, machen Blanca zur Außenseiterin.
    Trost und Freundschaften findet sie, als 1998 der erste internetfähige Computer in den Haushalt einzieht, und zwar in einem Chatroom. Dort tauscht sie sich täglich mit den gleichaltrigen Mädchen Carla und Inma und der etwas älteren Verónica aus.
    Vor allem die Freundschaft zur mysteriösen Verónica ist zwischendrin vielleicht kurz verstörend, aber dann einfach nur wunderbar und sehr berührend.
    Der zweite Teil war für mich der stärkste! Hier erfährt Blanca an ihrem 18. Geburtstag aus Tagebuchaufzeichnungen ihrer Mutter, was vor neun Jahren wirklich passiert ist.
    Ich war versucht, es wie Blanca zu machen: Das erste Mal liest man das Tagebuch ungeduldig und übereilt, ohne die Ereignisse, Abläufe, Personen und Orte auf Anhieb zuordnen zu können.
    Beim zweiten Mal liest Blanca konzentriert und aufmerksam – und das sollte man auch tun, denn so entdeckt man wie Blanca den Menschen, der sich hinter diesen Zeilen verbirgt:
    „Eine fröhliche, eloquente und scharfzüngige Person, die aber auch verängstigt, gekränkt und verbittert war, und auf den letzten Seiten las sie vor allem die Zeilen einer Frau am Rande der völligen Verzweiflung.“
    Mit dem zweiten Teil fallen so viele Puzzlestücke an ihren Platz, so dass der dritte Teil des Romans zwar in Teilen etwas schräg ist, aber auch der logische Abschluss, der das Bild und damit die Geschichte komplettiert.

    Ganz große Empfehlung!