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Katja ist Buchhändlerin in unserer Tyrolia-Filiale in der Maria-Theresien-Straße in Innsbruck und leidenschaftliche Leserin.
Nun, da langsam der Herbst einzieht, sehnen wir uns noch einmal nach Capri im Sommer: Das Meer liegt tiefblau unter den weißen Felsen, die Luft riecht nach Pinien, Salz und Basilikum, und irgendwo wartet ein Teller „Insalata Caprese“ auf seinen großen Auftritt … Viel idyllischer kann ein Krimi kaum beginnen! Und doch liegt in Luca Venturas „Bleich wie der Mond“ ein Mann tot in einem Bottich – ausgerechnet der Mann, der in der Region als König der Büffelmozzarella gilt. Das Bild hat mich stark beeindruckt: Nino Castaldo liegt bleich und reglos im Wasser seiner Molkerei, während draußen die Insel langsam erwacht. Luca Ventura braucht nicht viel, um sofort diese eigentümliche Mischung aus Schönheit und Tod herzustellen, die den Roman durchzieht, denn Capri ist hier kein bloßer Hintergrund, sondern eine Figur mit eigenem Temperament: mondän und eigensinnig, paradiesisch und voller kleiner Spannungen. Und hinter den weißen Fassaden kennt jeder jeden – oder glaubt zumindest, jeden zu kennen.
Für Inselpolizist Enrico Rizzi beginnt damit ein Fall, der eigentlich gar nicht seiner sein dürfte; Unterstützung bekommt er von Antonia Cirillo, seiner norditalienischen Kollegin, die nach Capri strafversetzt wurde und mit der entspannten Inselmentalität nicht immer besonders viel anfangen kann. Rizzi tastet sich vorsichtig voran, während Cirillo lieber mit dem Kopf durch die Wand geht. Gerade diese Reibung macht das Ermittlerduo angenehm menschlich, denn sie sind zwar nicht immer einer Meinung, aber wenn es darauf ankommt, stehen sie füreinander ein.
Der vierte Band der Capri-Krimi-Reihe von Luca Ventura wirkt dabei erstaunlich wenig wie ein Buch, bei dem man „erst einmal die Vorgänger lesen“ müsste, sondern das Gegenteil ist der Fall: „Bleich wie der Mond“ lässt sich wunderbar jetzt, im Spätsommer 2026, entdecken! Und das ist vielleicht einer seiner größten Reize, denn die Reihe ist längst etabliert, aber keineswegs abgeschlossen – weitere Bände erscheinen noch in diesem Jahr! Man steigt also nicht in eine abgeschlossene Krimiwelt ein, sondern in eine Serie, die gerade weiterwächst …
Besonders gelungen finde ich, dass Luca Ventura den Mord nicht einfach zwischen Zitronenbäumen und Meerblick versteckt, sondern der Fall sofort mitten hinein in die Welt der Büffelmozzarella führt – in Familiengeschäfte, Produktionsmethoden, wirtschaftliche Interessen und den Konflikt zwischen Tradition und Tierwohl. So war Nino Castaldo zwar ein Meister seines Handwerks, doch sein Unternehmen ist keineswegs so harmonisch, wie es nach außen scheint: Familie, Erbschaft, Geld und die Frage, wie weit man für den wirtschaftlichen Erfolg gehen darf, bilden ein dichtes Netz aus Motiven.
Spannend wird es auch dort, wo die idyllische Oberfläche Risse bekommt, weil Tierschützer ins Visier geraten, Produktionsmethoden hinterfragt werden, und plötzlich steht nicht mehr nur die Frage im Raum, wer Nino Castaldo getötet hat, sondern auch, welche Geschichten hinter dem scheinbar kostbaren Produkt auf dem Teller stecken. Und das macht den Roman interessanter, als sein sommerliches Erscheinungsbild zunächst vermuten lässt!
Und ja: „Bleich wie der Mond“ ist auf eine besondere Art auch ein Wohlfühlkrimi, aber einer, bei dem man durchaus Hunger bekommt, schreibt Luca Ventura doch über Mozzarella so sinnlich, dass man beim Lesen beinahe das Salz auf den Lippen und das Olivenöl auf den Tomaten schmeckt … – und dazu das Meer, die Pinien, die Hitze und diese eigentümliche süditalienische Mischung aus Gelassenheit, Familienbande und gut gehüteten Geheimnissen. Was nach der Lektüre bleibt, ist vor allem die Atmosphäre; so ist „Bleich wie der Mond“ kein Krimi, der einem den Sommer vermiest, sondern eher einer, den man in den Koffer legen möchte, bevor es nach Italien geht – oder auf den Balkon, wenn die Reise dieses Jahr nur im Kopf stattfindet. Capri, Büffelmozzarella, ein komplizierter Mord und zwei Ermittler, die sich erst noch zusammenraufen müssen: Das ist eine ziemlich verlockende Kombination für einen langen August- oder Septemberabend! Und wenn am Ende der Teller mit Tomaten, Basilikum und Mozzarella tatsächlich vor einem steht, sollte man vielleicht kurz überlegen, ob man zuerst liest oder isst. Ich würde zu beidem raten!
Die italienische Stadt Triest ist in Marco Balzanos Roman „Bambino“ mehr als nur ein Schauplatz, liegt die Stadt doch am „confine“, an einer Grenze, an der verschiedene Sprachen, Kulturen und politische Vorstellungen aufeinandertreffen. Und genau diese Spannung macht den Roman so eindringlich, denn Marco Balzano erzählt von einer Zeit, in der der italienische Faschismus immer mächtiger wird, doch gleichzeitig erzählt er von etwas, das erstaunlich gegenwärtig wirkt: von jungen Menschen, die Halt suchen und dabei an die falschen Menschen und die falschen Ideologien geraten. Kaum könnte ein Buch aktueller sein …
Im Mittelpunkt steht Mattia Gregori, genannt „Bambino“: Seinen Spitznamen verdankt er seinem jungen, beinahe kindlichen Gesicht – eine irritierende Verbindung zu dem Mann, zu dem er sich entwickelt, denn Mattia ist wütend, orientierungslos und besessen von der Frage, wer seine leibliche Mutter ist. Als er erfährt, dass die Frau, die er sein ganzes Leben lang für seine Mutter gehalten hat, nicht seine leibliche Mutter ist, beginnt seine Suche nach der eigenen Identität … Doch statt Antworten findet er zunächst Gewalt und so schließt sich Mattia den Faschisten an und wird selbst zum Täter, worin für mich die größte Stärke des Romans liegt: Marco Balzano macht es sich nicht einfach, erzählt er doch gerade nicht aus der Perspektive eines Opfers oder eines Widerstandskämpfers der „Resistenza“, sondern aus der Sicht eines jungen Mannes, der selbst schuldig wird. Dadurch ist Mattia jedoch als Erzähler manchmal schwer auszuhalten, sodass ich ihn zunächst als ausgesprochen unsympathisch empfand, doch gleichzeitig konnte ich mich seiner Geschichte nicht entziehen! Das liegt wohl meines Erachtens vor allem an der Ich-Perspektive, denn man sitzt gewissermaßen neben Mattia und bekommt seine Gedanken ungefiltert mit; so versteht man, wonach er sich sehnt, welche Ängste ihn antreiben und wie er seine eigenen Entscheidungen rechtfertigt. Doch Verständnis bedeutet dabei keineswegs Vergebung! Gerade diese Nähe hat mich jedoch auch immer wieder dazu gebracht, über die Grenze zwischen Verstehen und Entschuldigen nachzudenken …
Besonders faszinierend fand ich übrigens den historischen Hintergrund, denn die wunderschön malerische Ort Triest war eine Stadt, in der Italienisch, Slowenisch und Deutsch aufeinandertrafen. – Und was eigentlich eine Bereicherung sein könnte, wird im Roman zur Projektionsfläche für Angst und Feindbilder, denn der Faschismus braucht den anderen, den Fremden, den vermeintlichen Feind … Diese Mechanismen wirken heute leider keineswegs fremd, erleben wir doch auch gegenwärtig, wie Minderheiten ausgegrenzt werden, wie einfache Antworten auf komplizierte Probleme angeboten werden und wie junge Menschen, die sich verloren fühlen, für radikale Ideologien empfänglich werden können!
Genau deshalb empfinde ich „Bambino“ als erstaunlich aktuellen Roman – denn obwohl die Handlung fast hundert Jahre zurückführt, fühlt sich vieles nicht weit entfernt an, da Marco Balzano zeigt, wie gefährlich es werden kann, wenn Wut, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit auf eine Ideologie treffen, die Zugehörigkeit verspricht … Das macht den Roman nicht zu einem politischen Lehrbuch – und gerade das gefällt mir, lässt er mich doch selbst die Verbindung zur Gegenwart herstellen.
Auch sprachlich hat mich das Buch überzeugt, denn Marco Balzanos nüchterner Ton steht in einem starken Kontrast zu den Ereignissen, was besonders eindrücklich wirkt, denn der Autor schreibt nicht übermäßig dramatisch, sondern lässt die Gewalt oft beinahe sachlich erscheinen – und dadurch wirkt sie umso bedrückender! Gleichzeitig entsteht durch die italienischen Begriffe und den Schauplatz eine besondere Atmosphäre, weil Wörter wie „Bambino, fascismo, partigiani“ oder „Resistenza“ etwas von der Geschichte Italiens in sich tragen und spürbar machen, dass diese Vergangenheit nicht nur aus Jahreszahlen besteht.
Wer Italien liebt, wird in diesem Roman deshalb mehr finden als eine spannende Geschichte, denn Marco Balzano macht Triest mit seinen Gassen, seiner Mehrsprachigkeit und seiner komplizierten Vergangenheit beinahe körperlich spürbar. Und wer sich für italienische Geschichte interessiert, bekommt zugleich einen ungewöhnlichen Blick auf eine Epoche, die in der Literatur lange stärker aus der Perspektive des Widerstands als aus der Perspektive der Täter erzählt wurde.
„Bambino“ hat mich also vor allem deshalb beeindruckt, weil der Roman keine einfachen Antworten liefert, weil Mattia Täter ist – und trotzdem ein Mensch mit Ängsten, Sehnsüchten und Gefühlen … Seine Menschlichkeit macht seine Verbrechen nicht kleiner – sie macht sie jedoch schwerer zu begreifen. Und vielleicht ist genau das die Aufgabe dieses Romans: nicht zu entschuldigen, sondern hinzusehen!
Für mich ist „Bambino“ deshalb eine klare Empfehlung – besonders für alle, die Italien lieben, sich für seine Geschichte interessieren und gerne Bücher lesen, bei denen die Vergangenheit nicht abgeschlossen wirkt, sondern Fragen an unsere Gegenwart stellt. Wer Triest einmal literarisch von einer dunklen, widersprüchlichen Seite kennenlernen möchte, sollte sich auf diesen Roman einlassen, denn „Bambino“ ist unbequem, spannend – und gerade deshalb lesenswert!
Um es gleich vorweg zu sagen: Die Protagonistin namens June Hayward ist keine Figur, der man sich leicht anvertraut, denn sie ist
neidisch, ehrgeizig und voller Selbstzweifel – und gleichzeitig so überzeugt von ihrer eigenen Version der Wahrheit, dass man ihr beim
Lesen beinahe dabei zusehen kann, wie sie sich ihre Wirklichkeit zurechtlegt. Genau diese Widersprüchlichkeit hat mich an „Yellowface“
von R. F. Kuang fasziniert … Ich wollte June nicht unbedingt mögen! Viel interessanter war für mich die Frage, wie weit sie bereit ist
zu gehen, um endlich das Leben zu bekommen, von dem sie glaubt, dass es ihr zusteht.
June möchte Schriftstellerin sein, doch während ihre Studienfreundin Athena Liu mit ihren Romanen gefeiert wird, bleibt June erfolglos;
zwischen den beiden liegt eine Freundschaft, die nie ganz frei von Konkurrenz ist. June bewundert Athena, beneidet sie und fühlt sich
ihr zugleich überlegen – und als Athena plötzlich stirbt, nimmt June deren fertiges Manuskript an sich, überarbeitet es und veröffentlicht
es unter dem Namen Juniper Song.
Was zunächst wie eine einzelne moralische Grenzüberschreitung wirkt, wird schnell zu einem Netz aus Lügen. Das Faszinierende daran:
June sieht sich selbst nicht als Betrügerin; für jeden Schritt findet sie eine Erklärung. Sie habe den Text schließlich verändert, eigene
Arbeit hineingesteckt und einer wichtigen Geschichte überhaupt erst ein Publikum verschafft … So wird aus einem Diebstahl in ihrer
Vorstellung allmählich eine Rechtfertigung. Gerade darin liegt für mich die größte Stärke des Romans, denn June ist keine
eindimensionale Bösewichtin, sondern erschreckend menschlich. Rebecca F. Kuang zeigt, wie leicht moralische Grenzen
verschwimmen können, wenn Ehrgeiz, Kränkung und der Wunsch nach Anerkennung zusammenkommen: June belügt nicht nur andere
– irgendwann glaubt sie selbst an ihre Version der Geschichte.
Damit stellt der Roman unweigerlich die Frage nach kultureller Aneignung: Darf eine weiße Autorin über chinesische Geschichte
schreiben? Wo endet literarische Freiheit und wo beginnt die Ausbeutung einer fremden Perspektive? Besonders gelungen finde ich,
dass Kuang darauf keine einfache Antwort gibt, sondern unterschiedliche Positionen aufeinanderprallen lässt.
Gleichzeitig nimmt sie den Literaturbetrieb und die sozialen Medien scharf ins Visier, denn sobald Junes Geheimnis öffentlich wird,
verwandelt sich Kritik in Empörung und Empörung in einen Shitstorm, Kommentare werden zu Urteilen, Vermutungen zu Tatsachen!
Kuang beschreibt diese Dynamik so glaubwürdig, dass ich mich beim Lesen mehrfach gefragt habe, wie schnell sich eine öffentliche
Meinung tatsächlich verselbstständigen kann. Trotz der ernsten Themen ist „Yellowface“ dabei erstaunlich unterhaltsam – nicht zuletzt
wegen des schwarzen Humors, mit dem Kuang die Eitelkeiten des Literaturbetriebs, seine Vermarktungsstrategien und die Bedeutung
der öffentlichen Identität einer Autorin entlarvt.
Besonders stark ist für mich die Ich-Perspektive, denn June erzählt selbst – und genau dadurch entsteht eine unangenehme Nähe. Ich
wusste oft, dass ihre Argumentation nicht stimmt, konnte aber gleichzeitig nachvollziehen, warum sie selbst daran glauben möchte.
Diese Spannung zwischen Wahrheit und Selbsttäuschung trägt den Roman und entwickelt einen Sog, dem ich mich kaum entziehen
konnte …
Auch Athena bleibt nach ihrem Tod präsent. Je erfolgreicher June mit ihrem Manuskript wird, desto stärker scheint die Erinnerung an
die Frau zurückzukehren, deren Stimme sie gestohlen hat. Fast wirkt Athena wie ein Geist – nur dass es eigentlich Junes eigenes
Gewissen ist, das sie verfolgt!
Für mich ist „Yellowface“ deshalb weit mehr als ein Roman über einen gestohlenen Text, denn es geht um Neid, Ehrgeiz und
Selbsttäuschung, aber auch um die Frage, wem eine Geschichte gehört und welche Verantwortung damit verbunden ist, sie zu erzählen.
Was mir nach der Lektüre geblieben ist, ist weniger eine eindeutige Antwort als ein Gefühl des Unbehagens … Und genau darin liegt
für mich die Stärke dieses Romans: Rebecca F. Kuang sagt mir nicht, was ich denken soll, sondern bringt mich dazu, meine eigene
Haltung zu hinterfragen.
So ist „Yellowface“ für mich ein scharfer, unterhaltsamer und zugleich beklemmender Roman über Literatur, Macht und die Geschichten,
die wir uns selbst erzählen – ein Buch, das ich allen empfehlen möchte, die sich nicht nur von einer packenden Geschichte mitreißen
lassen, sondern auch bereit sind, hinter die Worte zu blicken und sich von ihnen die eine oder andere unbequeme Frage stellen zu lassen.
Han Kangs „Die Vegetarierin“ hat mich beim Lesen immer wieder an einen Punkt gebracht, an dem ich nicht mehr wusste, ob ich mich
gerade abgestoßen fühle oder fasziniert bin; – und genau diese Unsicherheit macht für mich die eigentliche Kraft dieses Romans aus!
Er lässt sich nicht bequem auf eine Botschaft reduzieren und gibt mir auch nach der letzten Seite nicht das Gefühl, ihn vollständig
verstanden zu haben, sondern stattdessen bleiben Bilder zurück: Fleisch, Blut, Blumen, nackte Haut – und eine Frau, die sich der Welt
zunehmend entzieht …
Im Mittelpunkt steht Yong-Hye, eine zunächst völlig unscheinbare Frau, doch ihr Ehemann hat sie gerade deshalb geheiratet: Sie stellt
keine Ansprüche, widerspricht nicht und scheint perfekt in ein Leben aus Routine und gesellschaftlicher Erwartbarkeit zu passen. Dann
hat sie einen Traum … und plötzlich isst sie kein Fleisch mehr. Was zunächst wie eine kleine persönliche Entscheidung wirkt, wird zum
Erdbeben, ja zur Katastrophe, denn Eier und Milch verschwinden aus dem Haushalt, später verweigert Yong-Hye immer mehr als nur
Nahrung, denn sie beginnt, ihren eigenen Körper und schließlich ihre Existenz grundsätzlich infrage zu stellen.
Das Verstörende für uns Lesende daran ist, dass Yong-Hye selbst kaum eine Stimme bekommt, da der Roman sie aus den Perspektiven
ihres Ehemanns, ihres Schwagers und ihrer Schwester erzählt – und dadurch entsteht eine schmerzhafte Leerstelle: Alle reden über
Yong-Hye, alle versuchen, sie zu erklären, zu kontrollieren oder zu retten – doch niemand hört ihr wirklich zu! Gerade dieses Schweigen
macht ihre Figur so eindringlich und für mich wurde Yong-Hye dadurch zu einer Art literarischem Echo: Je mehr die anderen über sie
sprechen, desto deutlicher spürt man, dass ihr eigentliches Inneres für sie unerreichbar bleibt.
Han Kang erzählt mit einer Sprache, die erstaunlich kühl und präzise wirkt, was mich unglaublich fasziniert hat, denn gerade deshalb
entfalten die surrealen und körperlich intensiven Szenen ihre Wucht: Blut, Fleisch, Blumen, Haut und Pflanzen verschieben ständig ihre
Bedeutung … Was zunächst als Ekel erscheint, kann im nächsten Moment sinnlich werden; was schön wirkt, bekommt etwas
Bedrohliches, wobei ich die Verbindung von Körper und Widerstand besonders eindringlich und stark fand. Yong-Hyes Verweigerung
ist nicht nämlich laut: Sie demonstriert nicht, hält keine Reden und formuliert kein politisches Programm … – nein, ihr Protest besteht
zunächst schlicht darin, etwas nicht mehr zu tun, was mich an den berühmten Schreiber Bartleby erinnert hat: „I would prefer not to“…
Darin liegt für mich die eigentliche Sprengkraft des Romans! „Die Vegetarierin“ erzählt zwar sehr spezifisch von südkoreanischen
Familien- und Gesellschaftsstrukturen, berührt aber etwas universell Menschliches: Was geschieht mit einem Menschen, der sich
weigert, die Rolle zu spielen, die andere für ihn vorgesehen haben? Wie viel Selbstbestimmung darf ein Individuum beanspruchen,
wenn seine Entscheidungen für die Umgebung unverständlich oder bedrohlich werden?
Han Kang macht jedoch daraus keine eindeutige Botschaft, denn sie erklärt Yong-Hye nicht: Ist sie krank? Ist sie eine radikale
Verweigerin? Eine Gefangene patriarchaler Gewalt? Oder sucht sie auf erschreckende Weise nach einer Existenz jenseits menschlicher
Gewalt und Bedürfnisse? Vielleicht ist gerade die Unbeantwortbarkeit dieser Fragen die große Stärke des Romans; – dass Han Kang
2024 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, gibt der erneuten Lektüre eine besondere Perspektive, wie ein Siegel der
Bestätigung, dass der Roman eine wunderbare eigene Kraft besitzt. Die deutsche Ausgabe erschien 2016 im Aufbau Verlag; inzwischen
liegt das Buch auch in einer Neuauflage von 2026 als Taschenbuch im Ullstein Verlag vor und wer Han Kang bislang nur als
Nobelpreisträgerin kennt, findet hier einen besonders eindringlichen Zugang zu ihrem Werk.
Mich hat vor allem die stille Radikalität dieses Buches beeindruckt, denn „Die Vegetarierin“ schreit nicht, sondern sie flüstert – und
gerade dieses Flüstern wird irgendwann unerträglich laut! Es ist ein Buch über das Recht, anders zu sein, über die Gewalt, die in
scheinbar normalen Familienstrukturen verborgen sein kann, und über den Wunsch, dem eigenen Körper und der eigenen Existenz
wieder selbst zu gehören. Nach der letzten Seite bleibt kein beruhigendes Gefühl zurück; nein, es ist eher ein Nachhall, ein Bild von
Blumen auf nackter Haut, ein Traum von einem Baum und schließlich die beunruhigende Frage, ob Freiheit manchmal genau dort
beginnt, wo ein Mensch einfach sagt: Nein.
Jakob Heins Roman „Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste“ beginnt dort, wo jeder vernünftige historische Roman besser nicht beginnen sollte: in der lähmenden Langeweile einer DDR-Behörde! Grischa Tannberg, junger Mitarbeiter der Staatlichen Planungskommission, sitzt nämlich in einem Land, das alles plant und doch erstaunlich wenig zu tun hat. Und so wächst in ihm zwischen Frühstücksbroten, Sitzungen und der hohen Kunst des gepflegten Nichtstuns allerdings eine Idee, die so absurd ist, dass sie beinahe genial wirkt: Wenn Afghanistan schon nichts zu bieten hat, womit die DDR Handel treiben könnte – warum nicht Cannabis?
Was dann folgt, ist eine der wunderbarsten historischen Volten, die ich seit Langem gelesen habe, denn Jakob Hein nimmt ein reales Rätsel der deutsch-deutschen Geschichte – den Milliardenkredit, den Franz Josef Strauß der DDR Mitte der achtziger Jahre ermöglichte – und setzt ihm eine völlig verrückte Alternativerzählung zur Seite. Ausgerechnet ein schüchterner Jungsozialist soll den Schlüssel zur Rettung des Sozialismus gefunden haben: afghanischer Hanf, verkauft für harte D-Mark an die Westjugend, also: man muss diese Idee erst einmal haben! Und man muss vor allem den Mut besitzen, sie konsequent bis zum Ende zu erzählen …
Das Schönste an Grischa ist dabei seine völlige Unaufgeregtheit, ist er doch kein Held im klassischen Sinn, kein charismatischer Revolutionär, kein großer Denker, sondern wirkt eher wie jemand, der zufällig in eine Geschichte geraten ist, die viel größer ist als er selbst. Und gerade darin liegt sein Charme! Während um ihn herum Funktionäre nervös werden, Minister staunen und Geheimdienste ihre Fühler ausstrecken, bleibt Grischa erstaunlich gelassen, denn er entwickelt seine Utopien mit der Sachlichkeit eines Beamten und der Fantasie eines Menschen, der zu viele ungewöhnliche Filme gesehen hat.
Dabei beherrscht der Autor Jakob Hein einen besonderen Ton: Seine Komik entsteht nicht durch laute Pointen, sondern durch die Reibung zwischen der vollkommen absurden Situation und der „bierernsten“ Sprache des sozialistischen Apparats. Wenn darüber beraten wird, ob Cannabis die Attraktivität der DDR für westdeutsche Jugendliche erhöhen könnte, klingt das zunächst wie eine wissenschaftliche Untersuchung – und gerade deshalb ist es so komisch … So wird die ideologische Sprache zum literarischen Fundstück, zum Fossil einer vergangenen Welt, das plötzlich wieder lebendig wird.
Überhaupt ist diese DDR in dem Roman weniger graue Mauer als groteskes Theater; da reisen Funktionäre etwa als harmlose Ehepaare getarnt nach Kabul, besichtigen Hanffelder und überlegen, welche Auswirkungen der Rausch auf die sozialistische Gesinnung haben könnte. Später wollen Westberliner Hippies nicht etwa aus dem Osten fliehen, sondern hinein – angelockt vom Schwarzen Afghanen! Die Geschichte dreht die gewohnten Bilder einfach um – und so wird plötzlich die Mauer zur falschen Seite hin gestürmt …
Dabei ist Jakob Hein keineswegs an „Ostalgie“ interessiert, was für uns Lesende heute wichtig ist und den Roman für mich besonders angenehm macht, da die DDR nicht verklärt wird, sondern sich in ihrer bürokratischen Absurdität vorgeführt sieht. Gleichzeitig erspart sich der Autor auch eine Art moralinsaurer Abrechnung, denn er vertraut auf die Komik der Verhältnisse – und die sind, wie die Geschichte zeigt, ohnehin absurd genug. Dass reale Figuren wie Strauß oder andere politische Größen in diese literarische Farce hineinragen, verstärkt den Effekt: Man lacht, und im nächsten Moment denkt man daran, dass manche dieser Verrücktheiten tatsächlich einen historischen Kern besitzen …
Was mir an diesem Roman besonders gefällt, ist deshalb seine Leichtigkeit, da Jakob Hein Geschichte nicht als Lehrstück erzählt, sondern als Schelmenstück: Er nimmt die großen Fragen – Sozialismus, Kapitalismus, Grenzen, Geld und Weltpolitik – und betrachtet sie durch das Schlüsselloch einer Behörde, in der zunächst einmal niemand weiß, wie man den Arbeitstag herumbringen soll; und daraus entsteht eine angenehm anarchische Perspektive auf die deutsche Vergangenheit.
Am Ende bleibt bei mir vor allem das Gefühl, einen sehr eigenwilligen, klugen und ungeheuer unterhaltsamen Roman gelesen zu haben: „Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste“ ist keine historische Wahrheit – aber vielleicht gerade deshalb eine überraschend gute Möglichkeit, sich der Wahrheit zu nähern, denn Jakob Hein zeigt einmal mehr, dass Geschichte manchmal selbst die beste Satire schreibt: Man muss ihr nur aufmerksam genug zuhören! Und gelegentlich ein bisschen „Gras“ wachsen lassen …
Capri hat die seltene Fähigkeit, selbst einen Mord für einen Augenblick in den Schatten seiner Schönheit zu stellen: Sonne auf den Faraglioni, das tiefblaue Meer, der Duft von Pfirsichen und Espresso – und mittendrin ein Verbrechen, das die idyllische Oberfläche der Insel jäh durchbricht. Während Inselpolizist Enrico Rizzi an einem sonnigen Morgen die ersten Pfirsiche in den Gärten seiner Familie pflückt, wird in der Dorfkirche die Modedesignerin Rosalinda Fervidi tot aufgefunden – erwürgt im Beichtstuhl! Die Polizei aus Neapel ist schnell zur Stelle und präsentiert ebenso schnell einen Verdächtigen: den geistig etwas eingeschränkten Straßenkehrer Salvatore, doch Rizzi und seine Kollegin Antonia Cirillo lassen sich nicht täuschen, kennen sie doch die Insel, ihre Menschen und vor allem jene Geschichten, die zwischen den offiziellen Aussagen liegen.
Und genau dort beginnt für mich die eigentliche Faszination dieses Capri-Krimis, denn Luca Ventura erzählt nicht einfach einen Mordfall vor einer spektakulären Urlaubskulisse, sondern blickt unter die glänzende Oberfläche dieser Trauminsel. Capri ist wunderschön – manchmal von einer fast unwirklichen Schönheit, doch dieses Paradies hat seine Schatten, denn während die Besucher bei Aperitif und Leinenkleidern auf der Piazzetta flanieren, kämpfen die Menschen, die hier leben und arbeiten, mit hohen Immobilienpreisen, Massentourismus und der bangen Frage, wie lange ein normales Leben auf der eigenen Insel noch möglich sein wird.
Luca Ventura macht diese Gegensätze spürbar, ohne sie in den Vordergrund zu drängen, wobei für mich die „unsichtbare Mauer“ zwischen Besuchern und Einheimischen besonders eindrücklich ist, da wir als Reisende meist das Capri der Postkarten sehen: das glitzernde Meer, die weißen Häuser, die schroffen Felsen, das süße Leben im Schatten der Zitronenbäume. Doch hinter dieser Kulisse beginnt eine andere Welt, – eine Welt, in der Menschen arbeiten, kämpfen, träumen und manchmal auch daran verzweifeln, dass ihre Heimat immer mehr zum Luxusprodukt für andere wird. So lässt uns Luca Ventura diese Seite der Insel entdecken – und plötzlich bekommt selbst die schönste Aussicht einen zweiten Horizont.
Auch Rosalinda Fervidi verkörpert diesen Gegensatz, denn sie ist nicht nur das Opfer eines brutalen Mordes, sondern eine junge, kreative Frau, die versucht hat, sich mit ihren Lederaccessoires einen eigenen Platz auf Capri zu schaffen: Ihre verrückten Taschen und Gürtel sind nämlich Ausdruck von Erfindergeist und Unternehmergeist – und zugleich Teil jener glitzernden Welt, von der die Insel lebt. Die kostbare Tasche aus Salamanderleder wird dabei fast zum Symbol für Schönheit, Begehren und Besitz; und für mich macht gerade diese Verbindung von Mordfall, Mode und gesellschaftlichen Gegensätzen den Roman so interessant: Unter der eleganten Oberfläche geht es immer auch um die Frage, wem eine Insel eigentlich gehört …
Natürlich lebt der Roman nicht zuletzt von seinen beiden berühmten Ermittlern, denn Enrico Rizzi ist mir inzwischen richtig ans Herz gewachsen: kein glattpolierter Kommissar, sondern ein Mann mit Ecken und Kanten, mit Familie, Vergangenheit und einer tiefen Verbundenheit zu seiner Heimat; er fährt Vespa, hilft seinen Eltern in den Obst- und Gemüsegärten und kennt Capri nicht aus Reiseführern, sondern aus seinem eigenen Leben, während Antonia Cirillo geheimnisvoller bleibt und mit ihrer Vergangenheit einen spannenden Kontrapunkt setzt. So gehört ihre gemeinsame Dynamik für mich zu den schönsten Seiten der Reihe!
Und dann ist da noch der titelgebende „blaue Salamander“, jene tatsächlich auf Capri vorkommende blaue Eidechse, die wie ein kleines Naturwunder zwischen Felsen und Meer lebt, um welche sich Legenden und Geheimnisse ranken, die Ventura wunderbar mit der Handlung verwebt: Realität und Mythos, Meer und Mord, Schönheit und Abgrund – all das fließt hier so selbstverständlich ineinander wie die Farben eines italienischen Sonnenuntergangs.
„Der blaue Salamander“ ist für mich deshalb eine perfekte Sommerlektüre: spannend, atmosphärisch und mit jenem leichten mediterranen Sog, der einen beim Lesen gedanklich weit fortträgt, sodass man förmlich den Espresso schmeckt, das Meer gegen die Felsen schlagen hört und man selbst über die Via Pizzolungo spazieren möchte ...
Als aktueller Band der Capri-Krimi-Reihe ist der Roman zugleich ein wunderbarer Appetitanreger für weitere italienische Krimireisen, die 2026 noch auf uns warten: Wer Rizzi und Cirillo bereits kennt, wird sich über die Rückkehr nach Capri freuen; wer die Reihe erst entdeckt, findet hier einen verlockenden Einstieg.
Der berühmte britische Schriftsteller Julian Barnes schreibt in „Abschied(e)“ nicht aus der Distanz über das eigene Leben, sondern tastet
sich noch einmal durch seine Erinnerungen – mit jener Mischung aus Skepsis, Ironie und Genauigkeit, die sein Schreiben seit jeher
auszeichnet; das Buch erschien im Januar 2026, unmittelbar vor Barnes’ 80. Geburtstag, und liest sich dadurch auch als persönliche
Zäsur: als Rückblick eines Schriftstellers, der weiß, dass die verbleibende Zeit knapper geworden ist, ohne daraus ein Pathos des
Abschieds zu machen.
Eine unheilbare, aber beherrschbare Form von Blutkrebs bildet den Ausgangspunkt, aber dennoch schreibt Julian Barnes weder eine
Krankheitsgeschichte noch eine klassische Autobiografie, sondern die Diagnose rückt vielmehr jene Fragen ins Zentrum, die ihn
literarisch schon lange beschäftigen: Was bleibt von einem Leben, wenn die Erinnerungen daran allmählich unsicher werden? Und wie
viel Wahrheit steckt in den Geschichten, die wir über uns selbst erzählen?
Der Autor Julian Barnes misstraut der Erinnerung, denn sie bewahrt nicht einfach, was gewesen ist, sondern verändert es; so denkt er
über Prousts „Madeleine“ und die Macht unwillkürlicher Erinnerung nach, über das Gedächtnis als schöpferische und zugleich
unzuverlässige Instanz, dabei bleibt sein Ton persönlich und unprätentiös. Seine Reflexionen wirken nämlich gerade nicht wie
akademische Exkurse, sondern wie gedankliche Bewegungen eines Menschen, der die eigene Vergangenheit noch einmal betrachtet
und dabei immer wieder entdeckt, dass Gewissheit schwerer zu erlangen ist, als man glaubt.
Besonders eindringlich schreibt der Autor über Krankheit und Alter, denn er beschreibt den zunehmend fremden Körper, medizinische
Untersuchungen und Eingriffe und die Erfahrung, auf die eigene Endlichkeit verwiesen zu sein. Bemerkenswert finde ich, wie
konsequent er dem Selbstmitleid ausweicht, was mich stark beeindruckt hat: Selbst dort, wo der Tod näher rückt, bewahrt er seinen
trockenen Humor, denn Melancholie und Ironie stehen bei ihm nicht im Widerspruch, sondern gehören zusammen …
Eine Liebesgeschichte bildet den emotionalen Kern des Buches: Jean und Stephen begegnen sich in jungen Jahren, verlieren einander
und finden Jahrzehnte später wieder zueinander; ihre Geschichte führt nun Barnes’ Überlegungen zu Erinnerung und Wahrheit in die
Handlung hinein, denn: was geschieht mit einer gemeinsamen Vergangenheit, wenn zwei Menschen sie unterschiedlich erinnern? Julian
Barnes interessiert weniger die dokumentarische Genauigkeit als die emotionale Wahrheit, weil er uns bewusst machen möchte, dass
Geschichte in ihren Einzelheiten zwar unsicher sein kann – und dennoch in ihrem Gefühl wahr bleibt!
Nicht alle Teile des Romans fügen sich vollkommen glatt zusammen, doch auch ein Leben folgt keiner perfekten Dramaturgie, sondern
Erinnerungen kommen in Fragmenten, springen zurück, lassen etwas aus und gewinnen Jahre später eine andere Bedeutung; so macht
Julian Barnes diese Unordnung nicht zum Problem, sondern zur literarischen Form, die mich stark beeindruckt hat.
Dass „Abschied(e)“ ausgerechnet zu Barnes’ 80. Geburtstag erscheint, gibt dem Buch zusätzliches Gewicht: Zugleich ist es 2026 höchst
aktuell! In einer Zeit, in der unser Leben beinahe lückenlos fotografiert, gespeichert und dokumentiert wird, stellt der Autor eine
grundsätzliche Frage: Was ist Erinnerung – und was bleibt von uns, wenn die Aufzeichnungen längst nicht mehr mit unserer eigenen
Geschichte übereinstimmen? Seine Antwort ist keineswegs eindeutig – und gerade darin liegt die Modernität dieses Buches!
„Abschied(e)“ ist deshalb für mich kein pathetischer Schwanengesang, sondern ein kluger, melancholischer und immer wieder heiterer
Roman über Liebe, Alter, Krankheit und die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerungen, denn Julian Barnes verabschiedet sich nicht mit
einer letzten Wahrheit, sondern bleibt fragend und aufmerksam. Und vielleicht ist das die schönste Form, in der ein Schriftsteller sich
verabschieden kann: indem er uns nicht erklärt, was wir über das Leben denken sollen, sondern uns zwingt, über die Geschichten
nachzudenken, mit denen wir es zu verstehen versuchen …
Fast genau hundert Jahre liegen zwischen Margaret Kennedys „Falscher Glanz“ und unserer Gegenwart, denn der Roman erschien ursprünglich 1927, ist aber nun in einer aktuellen deutschen Neuübersetzung und Neuauflage bei Schöffling & Co. wiederentdeckt worden. Die deutsche Ausgabe erschien 2025 in der Übersetzung von Maria Sander – gerade diese Wiederentdeckung finde ich bemerkenswert: Ein beinahe hundert Jahre alter Roman wird neu aufgelegt – und er liest sich keineswegs wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit!
Im Mittelpunkt stehen die Zwillinge Emily und William Crowne, deren Vater Norman Crowne, ein erfolgreicher Schriftsteller, des Mordes angeklagt wird. Obwohl er freigesprochen wird, bleibt der Skandal an ihm und später auch an seinen Kindern haften – und so erben Emily und William nicht nur ein beträchtliches Vermögen, sondern auch einen Namen, der mit einem öffentlichen Skandal verbunden ist. Besonders eindrücklich fand ich die Vorstellung, dass die Kinder für etwas mitverantwortlich gemacht werden, das sie selbst überhaupt nicht verschuldet haben. Was Margaret Kennedy vor fast hundert Jahren beschreibt, erinnert erstaunlich stark an unsere Gegenwart: an öffentliche Empörung, mediale Aufmerksamkeit und daran, wie lange ein einmal entstandenes Bild eines Menschen nachwirken kann.
Genau hier liegt für mich eine der großen Stärken von „Falscher Glanz“, denn die Autorin erzählt zwar von einer Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts, aber sie schreibt über Fragen, die uns bis heute beschäftigen: Wie sehr prägt die Familie einen Menschen? Kann man sich von seiner Herkunft lösen? Wie frei sind wir wirklich darin, unser Leben selbst zu bestimmen? Und was passiert, wenn die Erwartungen der Gesellschaft mit den eigenen Vorstellungen vom Glück kollidieren?
Besonders modern wirkt der Roman für mich beim Thema alternative Lebensformen: William versucht, im Haus seines Onkels eine Art Kommune aufzubauen. Menschen wollen gemeinsam leben, kreativ sein und sich von den traditionellen Vorstellungen der bürgerlichen Kleinfamilie lösen. Das klingt beinahe wie eine Debatte aus dem 21. Jahrhundert: Wie wollen wir zusammenleben? Muss das klassische Familienmodell für alle funktionieren? Wie viel Individualität verträgt eine Gemeinschaft? Margaret Kennedy zeigt allerdings auch die Schwierigkeiten eines solchen Experiments, denn Ideale allein reichen nicht aus, wenn Geld fehlt, Menschen unterschiedliche Interessen haben und persönliche Konflikte nicht verschwinden – und gerade dadurch wirkt die Geschichte heute so vertraut.
Auch Kennedys Beschäftigung mit dem Verhältnis zwischen Frauen und Männern ist erstaunlich aktuell, denn ihre weiblichen Figuren haben eigene Wünsche und Ambitionen, wollen sie doch schreiben, lieben, unabhängig sein oder sich aus unglücklichen Ehen befreien. Gleichzeitig stoßen sie jedoch immer wieder auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Grenzen … Für mich ist interessant, dass Margaret Kennedy diese Frauen nicht einfach als Opfer darstellt, denn sie können widersprüchlich, eigensinnig, klug und manchmal sogar manipulativ sein, und dadurch wirken sie nicht wie Figuren aus einem historischen Roman, sondern wie Menschen, die auch heute neben uns leben könnten!
Überhaupt hat mich überrascht, wie modern Margaret Kennedy ihre Figuren zeichnet, denn fast alle sind auf der Suche nach einem besseren Leben und probieren unterschiedliche Modelle aus: Ehe, Familie, Kunst, finanzielle Sicherheit oder gemeinschaftliches Zusammenleben, doch kaum einer findet das erhoffte Glück. Gerade diese Suche nach dem „richtigen“ Leben verbindet den Roman mit unserer Gegenwart: Auch heute gibt es unzählige Vorstellungen davon, wie ein erfülltes Leben aussehen sollte – und trotzdem bleibt die Frage offen, ob diese Vorstellungen tatsächlich glücklich machen?
Dass „Falscher Glanz“ jetzt, fast hundert Jahre nach seinem ersten Erscheinen, neu aufgelegt wird, erscheint mir deshalb geradezu folgerichtig und die Neuauflage macht einen vergessenen Roman wieder zugänglich, dessen Themen plötzlich wieder sehr nah an unserer Zeit liegen. Stilistisch hat mir gerade diese Vielschichtigkeit gefallen, denn sie lässt eine ganze Gesellschaft entstehen und zeigt, wie unterschiedlich Menschen auf dieselben gesellschaftlichen Zwänge reagieren. Am Ende bleibt für mich vor allem ein Gefühl der Melancholie – aber auch eine gewisse Gelassenheit: Die Menschen scheitern an ihren Beziehungen, ihren Erwartungen und ihren Lebensentwürfen. Und währenddessen fällt draußen der englische Regen, der Wind weht und die Welt dreht sich weiter …
Genau das macht „Falscher Glanz“ für mich zu einer besonderen Lektüre: Ein Roman von 1927, der durch eine Neuauflage im Jahr 2025 beinahe wieder zu einer Neuerscheinung geworden ist – und dabei zeigt, dass sich die Gesellschaft zwar verändert, die großen Fragen nach Liebe, Freiheit, Familie, Selbstbestimmung und dem guten Leben aber erstaunlich wenig verändert haben. Fast hundert Jahre später wirkt Margaret Kennedys Roman deshalb nicht alt, sondern überraschend gegenwärtig!
Han Kangs „Unmöglicher Abschied“ – nun endlich auch als Taschenbuch erhältlich! – ist ein Roman, der sich nicht lesen lässt wie eine lineare Erzählung, sondern wie ein langsam anschwellender Schneefall: lautlos zuerst, beinahe unbemerkt, und doch legt sich jede Flocke auf etwas bereits Vorhandenes, bis schließlich alles unter einer stillen, leuchtenden Schicht aus Erinnerung, Schmerz und Schönheit verschwindet – oder neu sichtbar wird.
Im Zentrum stehen zwei Frauen, Gyeongha und Inseon, deren Freundschaft weniger durch gemeinsame Biografie als durch eine Art stilles Einverständnis verbunden ist: die Bereitschaft, sich den dunklen Zonen der Welt auszusetzen, ohne sich von ihnen abwenden zu können. Was als fast beiläufige Bitte beginnt – die Freundin im Krankenhaus bittet Gyeongha, auf der Insel Jeju einen Vogel zu füttern –, entfaltet sich zu einer Reise, die weniger geografisch als existentiell ist, denn Jeju ist kein Ziel im klassischen Sinn, sondern ein Verdichtungsraum: aus Wetter, Erinnerung, Geschichte und Geistern.
Schon der Weg dorthin trägt die Signatur einer anderen Wirklichkeit, die die Nobelpreisträgerin Han Kang wunderbar einfängt: Ein Schneesturm, der die Orientierung verschluckt, macht aus der Landschaft ein weißes, atmendes Nichts, in dem jede Bewegung zugleich Annäherung und Verlust ist. Und genau hier beginnt Han Kangs eigentliche Erzählbewegung: Sie schreibt nicht über das Ankommen, sondern über das Verschwinden von Gewissheiten; so wird nämlich die Grenze zwischen Traum und Wachsein, zwischen Körper und Erinnerung, zwischen Gegenwart und Geschichte durchlässig, fast porös …
Je länger man liest, desto stärker verschiebt sich das Zentrum des Romans weg von der Gegenwartshandlung hin zu einem historischen Untergrund, der lange verschüttet war: das Massaker auf Jeju Ende der 1940er Jahre. Dieses Ereignis, das zehntausende Opfer forderte und über Jahrzehnte tabuisiert wurde, tritt im Roman nicht als dokumentarische Rekonstruktion auf, sondern als Nachhall – als etwas, das in Körpern, Bildern und Sprachfragmenten weiterlebt, wobei sich Han Kang diesem Trauma nicht direkt nähert, sondern in Brechungen: über Stimmen, über Träume, über das, was im Schnee sichtbar wird und zugleich verschwindet.
Besonders eindringlich ist für mich dabei die konsequente Metaphorik des Schnees, denn er ist nicht bloß Atmosphäre, sondern eine Art Erkenntnisform: Schnee verdeckt und legt frei zugleich, er konserviert und löscht aus, er macht die Welt still und zwingt sie doch zur Offenbarung; – in ihm spiegelt sich die Grundbewegung des Romans: das gleichzeitige Erinnern und Verdrängen, das Sich-Nähern und das Nicht-ertragen-Können dessen, was sich zeigt. Und dabei drängte sich mir ein faszinierender Gedanke auf: Wenn Schneeflocken auf Körper fallen, unterscheiden sie zwischen Leben und Tod, zwischen Wärme und Kälte, zwischen dem, was noch antwortet, und dem, was bereits verstummt ist … Und auch die Figuren selbst scheinen zunehmend in diesen Zustand der Zwischenexistenz zu geraten, denn Gyeongha, die sich im Schneesturm durch die Insel kämpft, wird mehr und mehr zu einer Figur an der Schwelle: zwischen Handlung und Halluzination, zwischen Auftrag und innerer Auflösung. Inseon wiederum bleibt trotz Abwesenheit präsent, als Stimme, als Körperfragment, als Erinnerung, die sich nicht auflösen lässt. Ja, selbst der kleine Vogel, um den sich die scheinbar einfache Aufgabe dreht, wird zum Symbol fragiler Lebendigkeit – etwas, das gepflegt werden muss, damit es nicht verschwindet, und das doch jederzeit verschwinden kann. Was also diesen Roman so eigentümlich stark macht, ist die Spannung zwischen seiner poetischen Überfülle und seinem historischen Ernst, schreibt doch Han Kang in Bildern von fast schmerzender Schönheit: Schneefelder, die wie Gräber wirken; Bäume, die zu stummen Zeugen erstarrt sind; Körper, die sich an die Grenze ihrer Belastbarkeit begeben. Dennoch: diese Sprache ist nicht schmückend im herkömmlichen Sinn, sondern insistierend – sie zwingt dazu, hinzusehen, auch dort, wo das Sehen weh tut!
Gleichzeitig bleibt immer die Frage, wie viel Nähe zur Vergangenheit überhaupt möglich ist, denn der Roman verweigert sich einer klaren Auflösung, ebenso wie er sich einer eindeutigen Trennung von Realität und Imagination entzieht. Vielleicht ist genau das seine eigentliche Bewegung: dass Erinnerung nicht als Archiv erscheint, sondern als Zustand, der sich ständig neu formt, verschiebt, entzieht.
Am Ende bleibt weniger eine Handlung als eine Erfahrung; so erzählt „Unmöglicher Abschied“ nicht davon, wie man Vergangenes bewältigt, sondern davon, wie es sich in die Gegenwart einschreibt – leise, unaufhörlich, oft unerkannt. Und vielleicht liegt gerade darin seine Kraft: dass er keine beruhigende Distanz herstellt, sondern eine irritierende Nähe zulässt. Es ist ein Buch, das sich nicht abschließt, sondern nachwirkt – wie Kälte, die noch lange im Körper bleibt, nachdem der Schnee schon aufgehört hat zu fallen. Eine unbedingt empfehlenswerte Lektüre!
Was wäre, wenn der Tod tatsächlich nur ein technisches Problem wäre? Wenn wir unser Gehirn mitsamt Erinnerungen, Persönlichkeit und Bewusstsein in einen Computer übertragen könnten? Andreas Eschbach macht aus diesem Gedankenexperiment in seinem Roman „Die Abschaffung des Todes“ einen spannenden Thriller – und zugleich eine philosophische Reise zu einer Frage, die näher an uns liegt, als uns lieb sein kann: Was macht einen Menschen eigentlich aus?
Im Mittelpunkt steht der Journalist James Henry Windover, Herausgeber einer außergewöhnlichen Zeitung: „The Windover View“ hat gerade einmal 49 Abonnenten, die jeweils eine Million Euro im Jahr bezahlen, doch dafür erhalten sie etwas, das im heutigen Medienbetrieb fast utopisch erscheint: nüchterne Fakten, sorgfältig recherchiert und ohne Sensationslust, Meinungsmache oder Unterhaltung. Windover versteht Journalismus als Suche nach Wahrheit – und genau deshalb wird er zum richtigen Mann für einen ungewöhnlichen Auftrag und so schickt die britische Milliardärin Anahit Kevorkian ihn ins Silicon Valley. Dort soll er herausfinden, was hinter dem Unternehmen Youvatar steckt, denn die Firma verspricht ihren Investoren nichts weniger als die Überwindung des Todes; die Wissenschaftler arbeiten nämlich daran, das menschliche Gehirn digital nachzubilden und schließlich das Bewusstsein auf einen Computer zu übertragen – der sterbliche Körper wäre damit nicht mehr notwendig.
Die Idee ist faszinierend und zugleich zutiefst verstörend, denn wenn eine digitale Kopie meines Gehirns entsteht – bin ich dann noch diese Kopie? Oder stirbt mein eigentliches Ich und auf dem Computer beginnt lediglich jemand zu existieren, der sich für mich hält?
Hier liegt für mich die eigentliche Stärke des Romans, denn Andreas Eschbach interessiert sich weniger für technische Zukunftsvisionen als für die philosophischen Abgründe, die dahinter liegen. Was ist Bewusstsein? Wo entsteht dieses geheimnisvolle Ich, das sieht, fühlt, erinnert und liebt? Und lässt sich etwas, das wir selbst kaum verstehen, überhaupt kopieren?
Besonders eindrucksvoll fand ich den Gedanken, dass wir zwar immer genauer erklären können, wie unser Gehirn funktioniert, aber noch immer nicht wissen, wie daraus Erleben entsteht. Wir können beschreiben, wie Licht auf die Netzhaut trifft und elektrische Signale weitergeleitet werden, doch an welchem Punkt wird aus diesen Signalen plötzlich ein Bild? Wo beginnt das bewusste Sehen? Genau an dieser Stelle wird der Roman fast poetisch: Zwischen der technischen Beschreibung des Gehirns und dem Rätsel des Bewusstseins klafft ein Abgrund.
Auch die Rahmenhandlung um Windovers Zeitung hat mich sehr angesprochen, denn darin geht es um die Idee eines Mediums, das nicht gefallen, empören oder unterhalten will, sondern schlicht möglichst präzise informieren möchte; das wirkt angesichts unserer heutigen Informationswelt beinahe wie Science-Fiction. Gleichzeitig ist Windover selbst keineswegs vollkommen objektiv, doch auch er spürt die Verlockung der Unsterblichkeit, und gerade dadurch wird die Figur glaubwürdig: Der Journalist, der Wahrheit sucht, ist zugleich ein Mensch, der eigene Wünsche und Ängste mit sich trägt. So sind die philosophischen Fragen für mich überzeugender als manche Verfolgungsszene, dennoch gelingt es dem Autor, die Spannung immer wieder anzuziehen, denn die Suche nach dem Schriftsteller Raymond Ferdurci, der offenbar eine Geschichte geschrieben hat, die das gesamte Youvatar-Projekt gefährden könnte, führt schließlich in eine gefährliche Jagd durch Europa bis nach Wien.
Was nach der Lektüre bleibt, ist allerdings weniger die Action als ein unangenehmer, faszinierender Gedanke: Vielleicht ist der Tod nicht nur das Ende des Lebens, sondern auch das, was ihm seine Bedeutung gibt? Ein Leben ohne Ende klingt zunächst wie das größte Geschenk, doch wenn nichts unwiederbringlich ist, wird dann überhaupt noch etwas kostbar? Vielleicht brauchen wir die Endlichkeit, damit ein Augenblick Gewicht bekommt, ein Abschied schmerzt und ein Leben nicht bloß aus unendlich vielen Morgen besteht …
Andreas Eschbach beantwortet diese Fragen nicht, sondern lässt sie offen – und gerade deshalb wirken sie nach. Und so ist „Die Abschaffung des Todes“ für mich ein kluger, stellenweise beklemmender Roman über Technik, Macht und unsere Angst vor dem Verschwinden, vor allem aber ist er eine Einladung, über das eigene Ich nachzudenken; – denn vielleicht ist die schwierigste Frage nicht, ob wir den Tod abschaffen können, sondern, ob wir danach noch wüssten, was es bedeutet, zu leben