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Gerade für Sie gelesen

  • Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck empfiehlt:

    Katja ist Buchhändlerin in unserer Tyrolia-Filiale in der Maria-Theresien-Straße in Innsbruck und leidenschaftliche Leserin.

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  • Nanon von George Sand

    Manchmal überrascht einen ein Buch gerade dort, wo man sich sicher glaubt … So schlug ich „Nanon“ auf in der Erwartung, einem historischen Roman über die Französische Revolution zu begegnen – großen politischen Umbrüchen, Barrikaden, Freiheitsparolen und den bekannten Figuren der Geschichte. Stattdessen saß ich schon nach wenigen Seiten mit einem Bauernmädchen in einem abgelegenen Tal, weit entfernt von Paris. Während draußen eine Weltordnung zerbricht, hütet Nanon Schafe, kennt weder Lesen noch Schreiben und ahnt noch nicht, dass die größte Revolution ihres Lebens nicht auf den Straßen Frankreichs stattfinden wird, sondern in ihr selbst. Gerade diese leise Verschiebung des Blickwinkels hat mich vom ersten Moment an gefesselt.
    Vielleicht liegt darin die besondere Stärke dieses Romans. George Sand interessiert sich nicht für jene Menschen, die später in den Geschichtsbüchern stehen und derer wir jedes Jahr im Juli, passend zum Jahrtag der Französischen Revolution am 14. Juli, gedenken … Sie richtet ihren Blick auf diejenigen, deren Stimmen meist verloren gehen – auf Frauen, Bauern, Analphabeten, auf Menschen, die Geschichte nicht machen wollten und doch von ihr erfasst wurden. Aus dieser Perspektive gewinnt die Französische Revolution eine unerwartete Nähe. Sie erscheint nicht als monumentales Weltereignis, sondern als langsame Erschütterung des Alltags!
    „Nanon“ ist deshalb für mich weniger ein Roman über eine Revolution als über den Moment, in dem ein Mensch beginnt, sich selbst zu erkennen. Die vierzehnjährige Nanette Surgeon, genannt Nanon, wächst als leibeigene Bauerntochter in einem abgelegenen Tal auf. Die politischen Umwälzungen, die sich in Paris überschlagen, erreichen ihre Welt nur verzögert; Gerüchte und Nachrichten dringen wie entfernte Geräusche zu den Menschen auf dem Land. Gerade diese Langsamkeit macht George Sands Erzählung so eindringlich: Geschichte wird nicht nur von großen Persönlichkeiten geschrieben, sondern von jenen erlebt, deren Namen kaum jemand kennt.
    Erzählt wird Nanons Lebensgeschichte aus der Perspektive der älteren Frau, die Jahrzehnte später auf ihre Vergangenheit zurückblickt. Und diese erzählerische Entscheidung ist von großer Schönheit, denn die Frau, die einst nicht lesen und schreiben konnte, nimmt am Ende selbst das Wort. So wird hier Bildung nicht als bloßer Wissenserwerb dargestellt, sondern als Befreiung; bedeutet Schreiben doch immer auch, die eigene Existenz sichtbar zu machen und der eigenen Geschichte einen Platz zu geben.
    Nanons Entwicklung gehört zu den stärksten Aspekten des Romans: Sie wird nicht durch ein plötzliches Wunder verändert, sondern durch Neugier, Ausdauer und den festen Willen, die Welt zu verstehen. Ihre Begegnung mit Émilien, dem jungen Adeligen, der gegen seinen Willen für eine geistliche Laufbahn bestimmt wurde, öffnet ihr eine neue Welt – und aus dem Bauernmädchen, das zunächst kaum etwas über sich selbst weiß, wird eine gebildete, selbstbewusste Frau, die ihren eigenen Weg findet, denn ihre Heldinnengeschichte besteht nicht aus spektakulären Taten, sondern aus kleinen, beharrlichen Schritten.
    Besonders beeindruckend fand ich, wie differenziert George Sand die Französische Revolution betrachtet; die Autorin erzählt weder eine reine Erfolgsgeschichte noch eine Abrechnung und so erscheinen Adel und Volk nicht als starre Gegensätze, sondern als Menschen mit Hoffnungen, Ängsten und Widersprüchen. Hinter den politischen Veränderungen interessieren George Sand vor allem die menschlichen Beziehungen und die Frage, wie gesellschaftliche Grenzen überwunden werden können.
    Auch die Liebesgeschichte zwischen Nanon und Émilien bleibt frei von romantischer Verklärung, denn sie ist geprägt von Standesunterschieden, Unsicherheiten und der langen Auseinandersetzung mit überlieferten Vorstellungen. Gerade darin zeigt sich meines Erachtens Sands modernes Denken: Liebe kann nur dort entstehen, wo Menschen einander auf Augenhöhe begegnen.
    Während der Lektüre musste ich immer wieder daran denken, wie viele Geschichten der Vergangenheit nicht erzählt wurden, weil diejenigen, die sie erlebt haben, keine Stimme besaßen. „Nanon“ gibt einer solchen Stimme Raum, denn der Roman erinnert daran, dass gesellschaftliche Veränderungen nicht nur in Parlamenten und auf Schlachtfeldern stattfinden, sondern auch in den stillen Momenten, in denen ein Mensch zu lesen beginnt, zu schreiben beginnt – und schließlich erkennt, dass das eigene Leben eine erzählenswerte Geschichte ist.
    George Sand hat mit „Nanon“ einen leisen, aber nachhaltigen Revolutionsroman geschaffen. Es ist ein Buch über Freiheit, Bildung und die Würde des Einzelnen; vor allem aber ist es die Geschichte einer Frau, die nicht darauf wartet, dass andere über sie erzählen, sondern selbst das Wort ergreift!