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Katja ist Buchhändlerin in unserer Tyrolia-Filiale in der Maria-Theresien-Straße in Innsbruck und leidenschaftliche Leserin.
Es gibt Bücher, die wirken, als würden sie einem nicht einfach eine Geschichte erzählen, sondern eine innere Bewegung freilegen, die man selbst nur halb bemerkt hat. Robert Menasses „Die Lebensentscheidung“ ist für mich genau so ein Text gewesen: leise im Ton, beinahe nüchtern erzählt, und gerade dadurch umso eindringlicher.
Im Zentrum steht Franz Fiala, EU-Beamter in Brüssel, ein Mann, der viele Jahre lang an etwas geglaubt hat, das sich zunehmend entleert hat. Als er die Bürokratie hinter sich lässt, wirkt das zunächst wie eine späte Befreiung, fast wie ein sachlicher Schlussstrich unter ein überreguliertes Leben… Doch schon früh hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass dieser Entschluss weniger ein Aufbruch ist als eine Verschiebung – weg von der Außenwelt hinein in eine viel engere, existenziellere Konstellation: die Beziehung zur Mutter.
Was mich dabei besonders getroffen hat, war die Art, wie Menasse diese Mutter-Sohn-Beziehung zeichnet, denn sie ist kein sentimentales Band, sondern eine dichte, fast körperliche Verbindung aus Verantwortung, Schuld, Fürsorge und unausgesprochenem Anspruch. Während Franz innerlich zerfällt, hält ihn genau diese Beziehung noch in einer Art Funktion; und gleichzeitig wird sie zum Ort seiner größten Angst: der Vorstellung, vor ihr zu sterben. Diese Umkehrung hat mich beim Lesen immer wieder irritiert – nicht intellektuell, sondern emotional, … eben weil sie etwas berührt, das man normalerweise nicht ausspricht: wie sehr Liebe auch Last sein kann.
Die Krankheit, die plötzlich in Franz’ Leben tritt, wirkt in diesem Zusammenhang fast wie eine radikale Zuspitzung dessen, was vorher schon angelegt war; so ist es nicht nur eine Diagnose, sondern eine Entblößung. Was mich hier beschäftigt hat, war weniger das medizinische Geschehen als die Konsequenz, die Franz daraus zieht: die Entscheidung, seine Krankheit zu verbergen – und das nicht aus Verdrängung, sondern aus einem eigentümlichen Ethos heraus: Er will nämlich die Mutter vor dem Schmerz schützen, ihn zu verlieren – selbst wenn das bedeutet, ihr eine Wahrheit vorzuenthalten, die sein eigenes Sterben betrifft.
Beim Lesen hatte ich immer wieder den Eindruck, dass sich die Figuren gegenseitig spiegeln, ohne es zu wissen; so scheinen Mutter und Sohn beide in einem Zustand des Verfalls zu sein, der jeweils vom anderen übersehen werden soll. Diese wechselseitige Blindheit hat etwas Tragisches, aber auch etwas zutiefst Menschliches; ich habe mich immer wieder dabei ertappt, wie ich innerlich gehofft habe, einer von beiden möge endlich ehrlich werden – und gleichzeitig verstanden habe, warum genau das nicht möglich ist.
Stilistisch arbeitet Robert Menasse mit einer auffälligen Klarheit, denn wir finden keine Überhöhung, kein Pathos, sondern eher eine fast sachliche Sprache, die das Emotionale dadurch nur stärker hervortreten lässt. Diese Nüchternheit hat mich zunächst auf Abstand gehalten, dann aber immer mehr hineingezogen, denn gerade weil nichts dramatisiert wird, entfaltet das Geschehen eine stille Wucht. So hatte ich mehrfach das Gefühl, dass die eigentliche Spannung nicht im „Was passiert“, sondern im „Wie lange lässt sich etwas noch aufrechterhalten“ liegt.
Besonders nachdrücklich ist mir die Idee der „Lebensentscheidung“ geblieben. Das Faszinierende dabei ist, dass der Titel nicht einen großen heroischen Entschluss meint, sondern etwas viel Fragileres: nämlich die Entscheidung, eine Wahrheit zu verschweigen, um eine andere Form von Wahrheit zu ermöglichen. Und beim Lesen habe ich mich öfters gefragt, ob Entscheidungen dieser Art überhaupt klar moralisch zu bewerten sind – oder ob sie eher Ausdruck einer Überforderung sind, die sich nur noch in Handlungen übersetzt, nicht mehr in Klarheit …
Es gab Momente in der Lektüre, in denen ich mich tief berührt, ja beinahe unwohl gefühlt habe, ohne genau sagen zu können, warum. Vielleicht, weil der Roman etwas berührt, das man im Alltag gerne ausblendet: dass Leben nicht nur aus Gestaltung besteht, sondern auch aus Verzögerung, Verdrängung und verpassten Möglichkeiten. Franz Fiala ist kein Held, aber auch kein Opfer. Er wirkt eher wie jemand, der zu lange versucht hat, richtig zu handeln – und dadurch an einen Punkt gekommen ist, an dem jede Handlung zu spät kommt oder falsch erscheint.
Am stärksten ist für mich jedoch der Ton des Ganzen geblieben: eine Mischung aus Lakonie und leiser Tragik, die sich nicht aufdrängt, aber nachhallt, deshalb ist „Die Lebensentscheidung“ kein lautes, doch überaus wichtiges Buch, das eher wie ein Gedanke zurückbleibt, der sich nicht abschließen lässt …
Und vielleicht ist genau das sein eigentlicher Effekt: dass man nach der letzten Seite nicht das Gefühl hat, eine Geschichte gelesen zu haben, sondern eher, einen Spiegel kurz nicht vermieden zu haben!