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Gerade für Sie gelesen

  • Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck empfiehlt:

    Katja ist Buchhändlerin in unserer Tyrolia-Filiale in der Maria-Theresien-Straße in Innsbruck und leidenschaftliche Leserin.

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  • Gott und die Welt von Marie Luise Kaschnitz

    Manchmal sind es die unscheinbaren Orte, an denen sich ein ganzes Leben spiegelt: Eine Wohnung, eine Straße, ein Blick aus dem Fenster können zu einem Archiv der Zeit werden. In „Gott und die Welt. Aufzeichnungen aus der Wiesenau“ führt Marie Luise Kaschnitz uns Leserinnen und Leser an einen solchen Ort, nämlich in ihre Frankfurter Wohnung, in jene Wiesenau, die für sie Heimat und Fremde zugleich war. Es ist für mich ein stilles, kluges und tief berührendes Buch, das weit über die Geschichte einer Stadt hinausweist und die großen Fragen des menschlichen Daseins berührt.
    Die Aufzeichnungen entstanden vor allem in den Jahren 1966 und 1967, einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs: Die Studentenbewegung kündigte sich an, alte Gewissheiten gerieten ins Wanken, die Bundesrepublik suchte nach einer neuen Identität. Doch Marie Luise Kaschnitz beobachtet diese Veränderungen nicht mit dem lauten Ton einer politischen Chronistin, sondern mit ihrem feinen Blick, welcher empfindsamer, beinahe seismografisch anmutet. Sie nimmt wahr, was unter der Oberfläche geschieht: die Ängste der Menschen, die Einsamkeit in der modernen Stadt, die Beschleunigung des Lebens und die wachsende Entfremdung zwischen Mensch und Welt.
    Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen ist eine ganz persönliche Sorge: das Gerücht, ihr Wohnblock in der Wiesenau solle einem Neubau weichen. Diese mögliche Vertreibung aus dem vertrauten Zuhause löst eine existentielle Unruhe aus, doch gerade aus dieser Verunsicherung entsteht Literatur, denn die Autorin macht aus der Angst einen Raum des Nachdenkens ... Sie bleibt in Frankfurt, obwohl sie die Stadt nicht immer schön findet; – und sie bleibt, weil sie in ihr Leben, Geschichte und Erinnerung miteinander verbunden sieht.
    Frankfurt erscheint in diesen Texten wie eine Figur mit vielen Gesichtern: zerstört und wieder aufgebaut, nüchtern und poetisch, fremd und vertraut. Marie Luise Kaschnitz erinnert sich noch an das alte Frankfurt, das im Krieg unter den Bomben verschwunden ist, und beschreibt zugleich die neue Stadt der Hochhäuser, Banken und Automaten. Besonders eindringlich wirken meines Erachtens ihre Gedanken über eine technische Zukunft, in der der Mensch Gefahr läuft, hinter Maschinen und Konsum zurückzutreten. Und so empfand ich es als erstaunlich modern, diese Passagen heute zu lesen – in einer Zeit digitaler Abhängigkeiten und künstlicher Intelligenz.
    Was dieses Buch jedoch besonders macht, ist nicht nur die Aktualität seiner Themen, sondern die unverwechselbare Stimme der Autorin: Marie Luise Kaschnitz schreibt mit einer Klarheit, die niemals kühl wirkt, und mit einer Eleganz, die niemals prunkvoll erscheint. Ihre Sprache ist zurückhaltend und zugleich voller innerer Bewegung: Sie schaut genau hin – auf Menschen, Dinge, Landschaften und auch auf sich selbst, denn ihr Alter beschreibt sie nicht als Verlust, sondern als einen „Balkon“, von dem aus man weiter und genauer sehen könne. Und in dieser Haltung liegt für mich eine stille Weisheit …
    Besonders beeindruckend ist ihre Ehrlichkeit im Umgang mit der eigenen Vergangenheit, denn die Autorin verschweigt nicht ihre Zweifel während der NS-Zeit, ihr Gefühl des Nicht-Handelns, ihre eigene Unsicherheit. Sie sucht keine nachträgliche Rechtfertigung, sondern stellt sich den schwierigen Fragen der Erinnerung: Gerade diese Unbestechlichkeit macht ihre Texte so glaubwürdig.
    „Gott und die Welt“ ist kein lautes Buch, sondern für mich ein Buch der Zwischentöne, der Fragen und des genauen Hinsehens, denn Marie Luise Kaschnitz zeigt, dass die großen Themen der Menschheit oft im Kleinen verborgen liegen: in einer Wohnung, einem Spaziergang, einer Erinnerung. Ihre Aufzeichnungen sind ein Gespräch mit der Vergangenheit – und zugleich ein faszinierender Spiegel unserer Gegenwart!
    Am Ende blieb in mir der Eindruck einer Dichterin, die der Welt nicht ausweicht, sondern ihr aufmerksam begegnet; eine Dichterin, die weiß, dass alles gefährdet ist und dennoch immer wieder nach dem sucht, was trägt. Und vielleicht liegt genau darin die zeitlose Kraft dieses Buches: Es erzählt von einer vergangenen Epoche und spricht doch unmittelbar zu uns. Ein wunderbar meditativer Schmöker für die Urlaubszeit!